Nur noch fünf Minuten
Daria hält Christians ewiges Prüfen für Trödeln und fährt ohne sein Okay los. Christian hat gemerkt, dass ein Rad wackelt, es aber nur zwischen vielen „vielleicht“ gesagt. Wer ist schuld, wenn die Vorsicht recht hatte, aber keiner mehr zugehört hat?

Die Seifenkiste stand seit dem Mittag auf dem Gartenweg zwischen Apfelbaum und Gartenhäuschen, und Daria hatte schon zweimal darin gesessen. Nicht zum Fahren. Zum Probesitzen, wie sie es nannte, beide Hände am Lenkseil, den Blick auf den Feldweg hinter der Hecke, der sanft zum Bach hinunterläuft. Zwei Wochen Herbstferien steckten in der Kiste: ein Obstkasten aus Herrn Bergers Keller, ein Brett, das Darias Vater übrig hatte, vier Räder von einem alten Bollerwagen und eine Bremse aus einem Holzklotz, die Christian nach einer Zeichnung gebaut hatte, die er im Sommer bei Opa Werner am Meer gemacht hatte. Auf der Seite stand in gelber Farbe „Daria und Co.“ und darunter, kleiner und sehr ordentlich: „Konstruktion: C. Becker“.
„Komm“, sagte Daria. „Um fünf wird es dunkel.“
Christian lag auf dem Rücken unter der Kiste und drehte an der Mutter des linken Vorderrads. „Moment. Nur noch fünf Minuten.“ Es war das dritte Mal, dass er die Räder prüfte. Beim ersten Mal hatte er jede Mutter nachgezogen, beim zweiten Mal die Achsen mit dem Zollstock gemessen, und jetzt drehte er jedes Rad einzeln und hörte zu, als würde es ihm etwas erzählen.
„Das hast du vor einer halben Stunde auch gesagt“, sagte Daria. „Und davor. Ein Moment. Nicht zwei.“ „Zweimal messen, einmal sägen“, kam es von unten. „Wir sägen doch gar nichts mehr!“ Christian kroch ein Stück hervor, Bleistift hinter dem Ohr. „Das linke Vorderrad hat vielleicht ein bisschen Spiel. Ich glaube. Ich muss es noch mal mit dem großen Schlüssel ...“ Daria hörte „vielleicht“ und „noch mal“, und diese beiden Wörter hatte sie an diesem Nachmittag schon zwanzigmal gehört. Christian stand auf und ging ins Gartenhäuschen, um den großen Schlüssel zu suchen.
Sie zog die Kiste durch das Gartentor auf den Feldweg. Nur das flache Stück, dachte sie, nur bis zum Pfosten, nur um zu sehen, ob sie rollt. Sie setzte sich hinein, stieß sich mit beiden Händen vom Schotter ab, und die Kiste rollte. Besser, als sie gedacht hatte. Der Wind zog an ihrem Zopf, der Schotter knirschte, und Daria lachte laut. Nach vielleicht zwanzig Metern machte es klick. Die Kiste legte sich nach links, und das linke Vorderrad überholte sie, rollte allein weiter und kippte ins Gras. Die Kiste schrammte über den Weg, drehte sich halb und warf Daria auf die Seite, Knie zuerst.
Christian kam mit dem Schlüssel in der Hand angerannt, so weiß im Gesicht, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. „Bist du okay?“ Daria saß im Gras und hielt ihr Knie. Die Strumpfhose hatte ein Loch, darunter war es rot und voller Steinchen. Christian sah zuerst auf das Knie, dann auf die Achse. Die Mutter lag ein Stück weiter im Schotter. Er hob sie auf und legte sie auf seine flache Hand. Er sagte nicht „Ich hab's dir gesagt“. Er sagte gar nichts, und das war schlimmer.
Im Gartenhäuschen gab es einen Verbandskasten, den Christian im Frühling dort hingestellt hatte, „für alle Fälle“, und Daria hatte damals gelacht. Jetzt saßen sie auf der Stufe davor, und Daria klebte sich ein Pflaster aufs Knie. „Du hättest Stopp sagen können“, sagte sie. „Ich hab gesagt, dass es wackelt.“ „Du hast gesagt: vielleicht. Und noch fünf Minuten. Das sagst du seit drei Stunden.“ Christian machte den Mund auf und wieder zu. Er rechnete, man konnte es sehen. Dann sagte er leise: „Wenn ich zehnmal Moment sage, hörst du das elfte nicht mehr. Auch wenn das elfte stimmt.“
Daria zog die Knie an. „Und ich bin losgefahren, während du im Gartenhäuschen warst. Ohne zu fragen.“ Sie zupfte am Rand des Pflasters. „Ich hab gedrängelt.“ Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Satz sagte, und es fiel ihr nicht leichter als beim ersten Mal. Christian drehte die Mutter zwischen den Fingern. „Du hattest recht, dass ich zu lange prüfe. Und ich hatte recht, dass sie lose war.“ Daria lachte, obwohl das Knie brannte. „Dann hatten wir beide recht, und ich hab ein Loch in der Strumpfhose.“
Christian holte sein Notizbuch aus dem Rucksack und schrieb oben auf eine leere Seite: „Prüfliste“. Darunter fünf Punkte: vier Radmuttern, Bremse, Lenkseil, Sitz, Weg frei. „Zehn Minuten“, sagte er. „Ich prüfe alles einmal, aber richtig. Danach fahren wir. Und wenn ich Stopp sage, sage ich auch, warum.“ „Und wenn du nach zehn Minuten noch was findest?“ „Dann sage ich: Stopp, das linke Rad. Nicht: vielleicht.“ Daria nahm ihm den Bleistift ab und schrieb einen sechsten Punkt dazu: „Fahrerin: Daria“. Christian strich „Fahrerin: Daria“ durch und schrieb: „Fahrer: abwechselnd“. Sie grinste und hielt ihm die Hand hin. Handschlag, Abklatschen.
Am nächsten Nachmittag lag Christians Uhr mit den Zeigern auf dem Obstkasten. Nach acht Minuten hatte er alles geprüft. In der neunten Minute griff er noch einmal nach dem linken Rad, und Daria sah ihn nur an, ohne ein Wort. Er legte den Schlüssel weg. „Gut.“
Daria fuhr zuerst. Die Kiste rollte den Feldweg hinunter, und am Pfosten zog sie am Bremsklotz, und der hielt. Dann fuhr Christian, langsamer, die Hände fest am Seil, und unten am Bach lachte er laut, ohne die Faust vor den Mund zu halten. „Noch mal!“, rief Daria von oben. Christian zog die Kiste schon den Weg hinauf. „Gleich“, sagte er, und diesmal war es wirklich nur ein Moment.
Wann ist Vorsicht klug, und wann hält sie uns nur auf? Woran merkst du den Unterschied, wenn du mittendrin steckst?
Zwei Blickwinkel
Sie hat zwei Wochen gebaut und drei Stunden gewartet. Für sie klang jedes „noch fünf Minuten“ wie „vielleicht nie“.
Er wollte, dass niemand sich wehtut. Dass ein Satz, den man zu oft sagt, irgendwann nichts mehr bedeutet, hat er erst im Schotter gemerkt.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.