Zum Inhalt springen
ELSEWISE Shop
Geld & Ehrlichkeit · 4 Minuten Lesezeit

Der falsche Preis

Daria hat sich verrechnet und will die zwei Euro einfach behalten, der Kunde merkt es ja nie. Christian findet, dass es trotzdem nicht ihr Geld ist, und fängt an, es ihr lang und gründlich zu erklären. Ist etwas weniger falsch, wenn es keiner merkt?

Daria und Christian an ihrem Verkaufsstand, Daria winkt

Beim Straßenflohmarkt stand ihr Tisch direkt vor Darias Gartentor: Christians alte Bücher, eine Kiste mit Murmeln und zwei Bleche Apfelkuchen von Darias Apfelbaum, ein Stück einen Euro fünfzig. Das Preisschild hatte Daria geschrieben, sehr groß und mit einem Ausrufezeichen. Die Kasse war eine Blechdose mit zwanzig Euro Wechselgeld darin, abgezählt von Christian, eingetragen in sein Notizbuch, Uhrzeit dazu.

Um elf ging Christian in die Küche, das zweite Blech holen. Genau da kamen alle gleichzeitig. Daria verkaufte zwei Bücher, erklärte einer Frau, warum Murmeln aus Glas besser sind als aus Plastik, und dann stand ein Mann in einer grünen Laufjacke vor ihr, neben ihm ein kleines Mädchen auf einem roten Laufrad mit Klingel. „Drei Stück, bitte.“ Er gab ihr einen Zehner. Vier fünfzig, rechnete Daria, also fünf fünfzig zurück, und während sie schon die nächste Kundin anlächelte, legte sie ihm Münzen in die Hand. Der Mann bedankte sich, das Mädchen klingelte, und weg waren sie.

Um zwölf zählte Christian die Kasse, wie er es jede Stunde tat. Er zählte einmal. Er zählte ein zweites Mal, die Münzen in Reihen auf dem Tisch. Beim dritten Mal sagte er: „Wir haben zwei Euro zu viel.“ „Super“, sagte Daria. „Gewinn.“ „Kein Gewinn. Ein Fehler.“ Er ging seine Striche durch, einer für jedes verkaufte Stück. Es gab nur einen Zehner in der Dose. „Der Mann mit dem Laufrad“, sagte er. „Du hast ihm drei fünfzig gegeben statt fünf fünfzig.“

„Ich verrechne mich nicht“, sagte Daria. Das war ihr Ding. Sie rechnete schneller als alle in ihrer Klasse und schneller als Christian, das wussten beide. Aber die Dose sagte etwas anderes, und die Dose log nicht. Daria spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. „Und wenn schon“, sagte sie und drehte sich zu einer Frau, die nach Kinderbüchern fragte. „Wegen zwei Euro mache ich doch kein Theater. Der ist längst weg.“

Christian holte Luft. „Erstens“, sagte er, „ist es sein Geld und nicht unseres. Zweitens würdest du es auch zurückhaben wollen, wenn du zwei Euro zu wenig bekommen hättest. Drittens ...“ Die Frau mit den Kinderbüchern hörte interessiert zu. „Christian“, zischte Daria. „Da stehen Leute.“ „Drittens“, sagte Christian etwas leiser, „steht in meinem Notizbuch jetzt eine Zahl, die nicht stimmt.“

Daria verkaufte der Frau zwei Bücher und rechnete diesmal laut mit. Dabei dachte sie nach. Es ging gar nicht um die zwei Euro. Es ging darum, dass sie sich verrechnet hatte, ausgerechnet beim Kopfrechnen. Wenn sie dem Mann hinterherlief, musste sie das laut sagen, zu einem Fremden. Und er würde es nie merken. Niemand würde es merken. Außer Christian. Und ihr.

„Viertens“, fing Christian wieder an. Daria griff in die Dose, nahm ein Zweieurostück heraus und schloss die Faust darum. „Okay. Wo ist er hin?“ Christian blieb mitten im Satz stehen. „Ich war noch nicht fertig.“ „Doch“, sagte Daria. „Du weißt es nur noch nicht.“ Er blinzelte, dann sagte er schnell und genau: „Grüne Laufjacke. Rotes Laufrad mit Klingel. Sie sind Richtung Spielplatz gegangen, als ich mit dem Blech kam.“ „Pass auf die Kasse auf“, sagte Daria und rannte los.

Sie rannte zwischen den Tischen durch, an Kisten mit Geschirr und Stapeln von Puzzles vorbei. An ihrem Stand saß Frau Müller, Zottel unter dem Klappstuhl. „Grüne Jacke, kleines Mädchen, rotes Laufrad?“, fragte Daria, ohne stehen zu bleiben. Frau Müller zeigte mit dem Kinn die Straße hinunter. „Bei den Schaukeln.“

Der Mann stand am Spielplatz und schubste das Mädchen auf der Schaukel an. Daria blieb vor ihm stehen und war so außer Atem, dass sie zweimal anfangen musste. „Entschuldigung. Sie haben bei uns Kuchen gekauft. Ich hab Ihnen zwei Euro zu wenig rausgegeben.“ Sie hielt ihm die Münze hin. Er sah auf die Münze, dann auf sie. „Das hätte ich nie gemerkt.“ „Ich weiß“, sagte Daria. Das war der schwerste Satz. Dann noch einer: „Ich hab mich verrechnet. Das passiert mir sonst nie. Fast nie.“ Der Mann lachte, nahm die Münze und sagte zu dem Mädchen: „Siehst du, die vom Kuchenstand.“ Das Mädchen winkte von der Schaukel.

Auf dem Rückweg rannte Daria nicht. Sie merkte, dass sie lächelte, einfach so, und dass sich etwas in ihr leicht anfühlte, als hätte sie ein Zimmer aufgeräumt, ohne dass jemand es verlangt hatte. Das hatte sie nicht erwartet. Sie hatte erwartet, dass es peinlich sein würde. Es war auch peinlich gewesen. Aber nur ungefähr zehn Sekunden lang.

Am Stand hatte Christian sein Notizbuch aufgeschlagen. Unter die Zahl von zwölf Uhr hatte er geschrieben: „Differenz: null“. Er sah auf. „Ich hatte noch zwei Gründe.“ „Erzähl sie mir heute Abend“, sagte Daria. „Am Gartentisch. Mit Kuchen.“ „Es sind gute Gründe.“ „Bestimmt.“ Dann kam ein Junge mit einem Fünfer, wollte zwei Stück, und Daria zählte ihm das Wechselgeld in die Hand, Münze für Münze, laut und langsam. Christian hustete in seine Faust, damit man sein Lachen nicht hörte.

Was würdest du als Nächstes tun?

Ist etwas weniger falsch, wenn es niemand bemerkt? Und wer zählt eigentlich als niemand?

Zwei Blickwinkel

Daria

Die zwei Euro waren ihr egal. Schlimm war, dass sie sich verrechnet hatte und es einem Fremden sagen musste.

Christian

Für ihn war die Sache klar, sobald die Kasse nicht stimmte. Dass man Recht haben und trotzdem zu lange reden kann, wusste er bis zu diesem Samstag nicht.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.