Einer muss doch gewinnen
Daria will gewinnen und baut die gemeinsame Idee über Nacht um, ohne Christian zu fragen; seine Rechnung fliegt raus. Christian sieht morgens ein Plakat mit seinem Namen darauf, das nicht mehr seins ist. Was ist ein Sieg wert, wenn man ihn nicht miteinander teilen kann?

Herr Kaminski hatte das Plakat in den Flur zwischen die 5b und die 5c gehängt: „Ideenwettbewerb der fünften Klassen. Was fehlt unserem Schulhof? Zweierteams, gern auch aus verschiedenen Klassen. Abgabe: Freitag, erste große Pause, Lehrerzimmer.“ Darunter stand in seiner Handschrift: „Schnell ist gut. Richtig ist besser.“ Daria las es, wartete in der Pause vor der 5c und sagte, bevor Christian ganz aus der Tür war: „Wir machen mit. Zusammen.“ „Moment“, sagte Christian. „Was fehlt denn?“ „Finden wir raus.“
Zwei Wochen lang fanden sie es heraus. Ihre Idee hieß „Beete statt Beton“: zwei Hochbeete in der kahlen Ecke bei den Fahrradständern, mit Kräutern und Erdbeeren, gepflegt von den fünften Klassen, die Ernte verkauft beim Sommerfest, das Geld für neue Bälle. Christian hatte herausgefunden, dass man in der Tischlerei Wagner am Wochenende eigene Projekte bauen darf, seine Mutter ging manchmal hin, und damit kostete das Holz 42 Euro statt 110. Er zeichnete die Beete und machte eine Tabelle: Kosten, Gießplan, wer in den Sommerferien gießt. Daria schrieb den Text, erfand den Namen und übte die zwei Minuten, die sie vor der Jury reden durften. Das Plakat war in Christians Schrift und mit Darias Worten. Unten standen beide Namen.
Am Donnerstagnachmittag sah Daria im Kunstraum das Modell eines Teams aus der 5a: eine Kletterwand aus Paletten, mit kleinen Lichtern, die blinkten, und um den Tisch standen zwanzig Kinder. Daria ging mit Bauchweh nach Hause. Beete. Erdbeeren. Neben einer Kletterwand, die blinkt.
Am Abend saß sie bis zehn an ihrem Schreibtisch. Das neue Plakat hieß „Der Schulhof-Kiosk“: Aus den Beeten wurde ein Stand, jeden Freitag Kräuterlimonade, Musik, eine große bunte Zeichnung und ein Spruch, der sich reimte. Die Tabelle ließ sie weg. Tabellen liest doch keiner, dachte sie. Christians Zeichnung schnitt sie aus und klebte sie klein in eine Ecke. Sie rief ihn nicht an. Es war schon spät, sagte sie sich. Und er hätte sowieso nur „Moment“ gesagt.
Am Freitag um Viertel nach sieben rollte sie das Plakat an der Hecke aus. „Ich hab's besser gemacht.“ Christian sah es lange an. Er fand seine Zeichnung in der Ecke. Er suchte die Tabelle. „Wo ist die Rechnung?“ „Braucht keiner. Die anderen haben Lichter.“ Daria wartete auf „Moment“. Stattdessen sagte er: „Stopp.“ Und dann, weil man nach einem Stopp sagen muss, warum: „Das ist nicht mehr unseres. Das ist deins, und mein Name steht drauf.“
„Ich wollte, dass wir gewinnen!“, rief Daria so laut, dass auf der anderen Straßenseite Herr Berger von seiner Zeitung aufsah. „Wir!“ „Dann hättest du mich fragen müssen“, sagte Christian. Er sagte es nicht laut. Aber er sagte es jetzt, an der Hecke, und nicht erst in drei Tagen auf einem Zettel. In acht Minuten kam der Bus.
Im Bus saßen sie in derselben Reihe, nicht nebeneinander. Daria sah aus dem Fenster und dachte: Wenn ich gewinne, und er sitzt daneben und schaut so wie jetzt, wer hat dann eigentlich gewonnen? Und sie wusste noch etwas, sie war ja gut in Mathe: Die Kräuterlimonade kostete Geld, das niemand ausgerechnet hatte. Gestern Abend hatte sie das nicht wissen wollen. In Christians Rucksack steckte das alte Plakat, gerollt, mit einem Gummiband. Er machte von allem eine Abschrift, das wusste sie.
In der großen Pause standen sie vor dem Lehrerzimmer, Daria mit dem neuen Plakat, Christian mit dem alten. Herr Kaminski öffnete die Tür. Daria sah auf die Rolle in ihrer Hand, dann auf die in Christians Hand, und dann tat sie, was sie am besten kann: Sie entschied sich schnell. Sie nahm Christian das alte Plakat ab und gab es Herrn Kaminski. „Das ist unseres.“ Christian sah sie überrascht an. Auf dem Weg zurück sagte er: „Der Kiosk ist gar nicht schlecht. Am Ende der Beete. Nächstes Jahr. Wenn wir ihn durchrechnen.“
Zwei Wochen später wurden die Preise in der Aula verkündet. Erster Platz: die Kletterwand der 5a. Zweiter Platz: eine Bank aus Paletten von zwei Mädchen aus der 5d. Dritter Platz: „Beete statt Beton, Daria Lorenz und Christian Becker, 5b und 5c.“ Daria wurde heiß im Gesicht. Dritter. Sie hatte den ersten gewollt. Zehn Minuten lang war sie eine schlechte Verliererin, mit verschränkten Armen und einem Blick auf die blinkende Kletterwand. Dann ging sie zu dem Team aus der 5a und gratulierte, ehrlich: „Die Lichter sind wirklich gut.“
Auf ihrer Urkunde stand ein Satz in Herrn Kaminskis Handschrift: „Die einzige Idee mit einer Rechnung, die stimmt. Uns hat ein bisschen Mut gefehlt.“ Daria las es zweimal. „Siehst du! Mut!“ „Und Rechnung“, sagte Christian. Im Bus nach Hause stritten sie darüber, welche Hälfte des Satzes wichtiger war, und es war der schönste Streit seit Wochen.
Am Abend hängte Daria die Urkunde an die Tür des Gartenhäuschens, neben den Futterplan. Darunter schrieb sie mit Bleistift: „Nächstes Jahr: Kiosk. Durchgerechnet.“ Christian las es, nahm ihr den Bleistift ab und schrieb darunter: „Mit Lichtern?“ Daria sah ihn an. Dann hielt sie ihm die Hand hin.
Was ist ein Erfolg wert, wenn man ihn nicht miteinander teilen kann? Und wäre ein erster Platz mit Darias Plakat ein Sieg für beide gewesen?
Zwei Blickwinkel
Sie wollte für beide gewinnen und hat dafür über Nacht allein entschieden. Dass ein Sieg ohne Christian nicht ihrer gewesen wäre, hat sie im Bus gemerkt.
Ihm ging es nicht um die Limonade, sondern um seinen Namen unter etwas, das er nie gesehen hatte. Diesmal hat er es gleich gesagt, nicht erst Tage später.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.