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Respekt & Mut · 4 Minuten Lesezeit

Das war doch nur Spaß

Daria lacht über einen Mitschüler, weil die anderen lachen und sie dazugehören will. Christian findet das falsch, sagt aber selbst kein Wort. Am Nachmittag wirft jeder dem anderen vor, was er falsch gemacht hat, und beide haben recht.

Daria sieht unsicher aus

Beim Vorlesetag lasen aus jeder fünften Klasse zwei Kinder in der Aula vor, ausgelost. Für die 5b waren es Greta und Malte. Greta las, wie sie rechnet, schnell und ohne Fehler. Malte stand am Pult, und das Blatt raschelte in seinen Händen. Im zweiten Absatz kam ein langes Wort, Leuchtturmwärter. „Leucht... Leuchtturm... Leuchtwärm...“ Irgendwo kicherte jemand. Malte fing den Satz noch einmal an, rutschte eine Zeile tiefer, las eine Zeile doppelt. Seine Ohren wurden rot. Dann las er den Rest viel zu schnell und setzte sich, ohne aufzusehen.

In der großen Pause stand Daria mit Mia und zwei anderen Mädchen aus ihrer neuen Klasse bei den Fahrradständern. Drei Wochen war sie jetzt in der 5b. Sie hatte schon mit allen geredet, aber bei diesen drei wollte sie, dass sie sie mögen. Tobias aus der 5c kam herüber, hielt sein Mäppchen wie ein Blatt Papier vor sich und ließ seine Stimme zittern: „Der Leu... Leu... Leuchtwärmturm!“ Mia lachte, die anderen lachten. Und Daria lachte, laut, so wie sie immer lacht. Das Lachen war schneller als sie.

Zwei Meter weiter stand Christian mit Ben an der Mauer. Er sah, dass Malte auf den Stufen zur Turnhalle saß, allein, sein Brot auspackte und wieder einpackte. Christian dachte: Jemand müsste etwas sagen. Er dachte es so lange, bis es klingelte. Tobias rief noch in die Runde: „War doch nur Spaß“, und alle gingen rein.

Am Nachmittag schnitt Daria im Gartenhäuschen Gurke für das Abendfüttern. Christian kam durch die Hecke und sagte nichts, was nicht ungewöhnlich war. Aber er sagte auch nicht „Hallo“. „Was ist?“, fragte Daria. „Du hast gelacht.“ Daria spürte, wie es heiß in ihr hochstieg. „Alle haben gelacht.“ „Du hast am lautesten gelacht.“ „Und du?“ Ihre Stimme wurde lauter. „Du hast danebengestanden und nichts gesagt. Das ist auch nicht besser!“ Christian sah auf seine Schuhe. „Ich weiß.“

Dann war es still. Beide sahen auf die Meerschweinchen, die Gurke fraßen, als wäre nichts passiert. Daria dachte an Maltes Ohren. Sie dachte daran, wie es ist, vor der Klasse zu stehen, wenn man Lampenfieber hat und alle glauben, man hätte keines. Sie stellte sich vor, sie stünde da, mit ihrer viel zu schnellen Schrift, und bliebe an einem Wort hängen, und jemand, den sie mag, würde lachen. Sie legte das Messer hin.

„Ich hab gelacht, weil die anderen gelacht haben“, sagte sie. „Ich mag Mia. Ich wollte, dass sie mich auch mag.“ Es klang noch schlimmer, als es sich angefühlt hatte. Christian setzte sich neben sie auf die Stufe. „Ich hab gedacht, jemand müsste was sagen“, sagte er. „Und dann hab ich so lange gedacht, bis es geklingelt hat. Wie damals mit dem Vertrag.“ Daria wusste genau, welchen Vertrag er meinte. Er hatte damals das Kleingedruckte gesehen und nichts gesagt, und er hatte es nie vergessen.

„Ich entschuldige mich bei ihm“, sagte Daria. „Morgen. Erste Pause.“ So war sie: Wenn sie wusste, was falsch war, wollte sie es sofort geraderücken. „Und ich?“, fragte Christian. „Ich hab ja nicht gelacht.“ „Nein“, sagte Daria. „Du hast geschwiegen.“ Der Satz blieb zwischen ihnen hängen. Christian nickte langsam. „Beim nächsten Mal sag ich was.“ „Und wenn es kein nächstes Mal gibt?“ „Gibt es“, sagte Christian. „Tobias macht das jeden Tag mit irgendwem.“

Am nächsten Morgen wartete Daria an den Stufen zur Turnhalle. Malte kam, sah sie und wollte vorbeigehen. „Malte. Wegen gestern. Ich hab gelacht. Das war mies von mir. Tut mir leid.“ Er sah sie an, als suche er den Trick. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ist okay.“ Es klang nicht okay. Nach einer Weile sagte er leise: „Das Wort war echt lang.“ „Viel zu lang“, sagte Daria. „Ich hätte das auch nicht gekonnt.“ Das stimmte nicht, und beide wussten es, und Malte lächelte fast. Mittags fragte Mia, die alles gesehen hatte: „Seit wann bist du denn so streng?“ Sie lachte dabei, aber an diesem Tag setzte sie sich an einen anderen Tisch. Das tat Daria mehr weh, als sie zeigte.

Am Freitag stand Christian vor der 5c, als Malte auf dem Weg zur Bibliothek vorbeikam. Tobias sah ihn und fing schon an: „Leu... Leu...“ Christian hatte die Hände in den Taschen, und sein Herz schlug so, dass er es im Hals spürte. „Hör auf, Tobias“, sagte er. „Das ist nicht lustig.“ Seine Stimme war nicht so fest, wie er wollte. Tobias drehte sich um. „Oh, der Professor redet.“ Ein paar lachten. Lukas lachte nicht. Ben stellte sich neben Christian, sagte nichts und blieb einfach stehen. Tobias zuckte mit den Schultern. „War doch nur Spaß.“ Dann ging er, und Christian merkte erst hinterher, dass Tobias keinen zweiten Witz gemacht hatte.

Am Abend saßen sie auf der Stufe vor dem Gartenhäuschen. „Und?“, fragte Daria. „Er nennt mich jetzt Professor.“ „Schlimm?“ „Weiß ich noch nicht.“ Christian sah auf seine Hände. „Mein Herz hat so geklopft, ich wollte mitzählen.“ „Wie schnell?“ „Zu schnell zum Zählen.“ Daria zog die Knie an. „Mia redet nicht mehr richtig mit mir.“ „Tobias redet zu viel mit mir“, sagte Christian. Sie saßen nebeneinander, bis Darias Mutter zum Essen rief, und diesmal hatte keiner von beiden einen Plan.

Was würdest du als Nächstes tun?

Ist Schweigen wirklich neutral? Oder sagt man auch etwas, wenn man nichts sagt?

Zwei Blickwinkel

Daria

Sie lacht sonst nie über andere. Diesmal war ihr Lachen schneller als ihr Kopf, weil sie in der neuen Klasse dazugehören wollte.

Christian

Er hat nicht mitgelacht und wusste genau, was richtig gewesen wäre. Er hat es nur nicht gesagt, solange es noch etwas genützt hätte.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.