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Respekt & Mut · 4 Minuten Lesezeit

Du warst doch dabei

Ein Freund von Alex redet abfällig über eine Mitschülerin, und Nora widerspricht. Alex schweigt und wechselt das Thema, weil er keinen Streit will. Nora ist enttäuscht, weil sie allein dastand und weil sein Schweigen auch eine Antwort war.

Nora in der Nahaufnahme mit festem, geradem Blick, das Haarband im Pony

Mittwochs war Übungsabend, und danach wurde vor dem Gerätehaus gegrillt. Nora holte Alex an diesem Abend ab und blieb, weil der Rost noch voll war und weil sie Bratwurst vom Feuerwehrgrill mochte, ohne genau sagen zu können, warum sie dort besser schmeckte. Sie stand mit einem Pappteller neben Alex, seinem Freund aus der Feuerwehr und den anderen beiden. Die Jacken rochen nach Rauch und nassem Schlauch.

Es ging um die Neue in der Jugendfeuerwehr. Sie war in Noras Jahrgang und seit dem Sommer dabei, und heute hatte sie bei der Übung den Schlauch mit verlegt. „Die ist doch nur dabei, damit sie Fotos in Uniform posten kann“, sagte Alex' Freund und biss in sein Brötchen. „Beim ersten echten Einsatz steht die am Auto und hält die Jacken.“ Einer der anderen beiden lachte. Der mit dem Brötchen sah kurz zu Alex, so wie man zu jemandem sieht, dessen Lachen man haben will.

„Sie hat beim Knotentest als Einzige alles beim ersten Mal geschafft“, sagte Nora. „Ich stand am Zaun und hab zugesehen. Du nicht, du warst beim zweiten Mal noch beim Mastwurf.“ Es wurde einen Moment still. „Wow“, sagte er. „War doch Spaß, Nora.“ Und dann sagte Alex: „Ist noch Wurst da? Wer will die letzte?“ Einer der anderen wollte, und das Gespräch ging weiter, über das Wetter am Wochenende und über ein neues Fahrzeug, das angeblich kommen sollte.

Nora sagte den Rest des Abends nicht mehr viel. Sie zog die Ärmel über die Hände und aß ihre Wurst zu Ende, weil sie nicht wollte, dass es aussah, als würde sie gehen, weil sie beleidigt war. Sie war nicht beleidigt. Sie war etwas, wofür sie noch kein Wort hatte.

Im Auto schwieg sie zwei Kreuzungen lang. Dann sagte sie: „Du warst doch dabei.“ Alex fuhr langsamer, als nötig gewesen wäre. „Ich wollte keinen Streit“, sagte er. „Nicht da, nicht vor allen. Der meint das nicht so. Wenn ich ihn vor den anderen anmache, steht er blöd da, und dann macht er es beim nächsten Mal extra.“ Er setzte den Blinker, obwohl die Straße leer war. „Ich wollte, dass es aufhört. Es hat ja auch aufgehört.“

„Für dich hat es aufgehört“, sagte Nora. „Ich stand da allein. Und er hat dich angesehen, bevor er weitergeredet hat. Er hat gewartet, was du sagst. Du hast gefragt, wer noch Wurst will.“ Sie sah aus dem Fenster auf die dunklen Felder. „Jetzt weiß er, dass es okay ist. Und die Neue war nicht mal da. Wer sagt es denn für sie, wenn nicht die, die dabei waren?“

Alex hielt vor dem Hoftor der Sommers und machte den Motor aus. Er sagte lange nichts. Nora wartete nicht darauf, dass er etwas sagte, sie wartete nur. Schließlich rieb er den Daumen über das Uhrglas. „Ich schau mir das an“, sagte er. „Das ist kein Fahrrad, Alex.“ „Ich weiß.“ Sie stieg aus. Sie sagte „Gute Nacht“, aber sie gab ihm keinen Kuss, und sie wusste, dass er das bemerkte.

Am Mittwoch darauf rollte Alex nach der Übung mit seinem Freund die Schläuche auf. Die anderen beiden standen ein paar Meter weiter am Fahrzeug, nah genug, um alles zu hören. Alex hatte die ganze Woche überlegt, ob er es unter vier Augen sagen sollte oder vor allen. Er hatte sich für keins von beiden entschieden, sondern für jetzt.

„Das mit der Neuen letzte Woche“, sagte er, ohne aufzuhören zu rollen. „Das war nicht witzig. Und ich hätte es gleich sagen müssen.“ Sein Freund sah hoch. „Jetzt echt? Hat Nora dich geschickt?“ „Nein“, sagte Alex. „Ich hab mich geärgert, dass ich nichts gesagt hab. Die Neue hat den Lehrgang besser gemacht als du und ich. Wenn du was über sie zu sagen hast, sag es ihr ins Gesicht. Oder lass es.“ Er sagte es ruhig, so ruhig, wie er alles sagte. Der zuckte mit den Schultern. „Schon gut.“ Es klang nicht, als wäre es schon gut. Aber er sagte nichts mehr, und die anderen beiden auch nicht.

Er erzählte es Nora erst am Freitag, auf der Treppe, zwischen zwei Gitarrengriffen, in zwei Sätzen. „Ich hab's ihm gesagt.“ „Und?“ „Er fand es nicht gut.“ Nora wartete auf mehr. Es kam nicht mehr, und sie verstand, dass es nicht für sie gewesen war. Nicht, um sie zu versöhnen, nicht, damit sie stolz auf ihn war. Das machte es irgendwie größer.

„Ich hätte es trotzdem lieber gehabt, wenn du es am Grill gesagt hättest“, sagte sie. „Vor allen, sofort.“ „Ich weiß“, sagte Alex. „Ich glaube immer noch, dass es so besser ankam.“ „Und ich glaube immer noch, dass ich da allein stand.“ Sie sahen sich an, und keiner von beiden gab nach, und es war trotzdem kein Streit mehr. „Beim nächsten Mal sage ich es gleich“, sagte Alex. „Das sagst du jetzt.“ „Ja“, sagte er. „Und dann mache ich es.“

Was würdest du als Nächstes tun?

Alex hat am Grill geschwiegen und eine Woche später allein mit seinem Freund gesprochen. Muss man immer sofort und vor allen widersprechen, wenn man etwas falsch findet, oder kann der leisere Weg auch der richtige sein?

Zwei Blickwinkel

Nora

Sie hat widersprochen, weil die, um die es ging, nicht da war. Am meisten tut ihr nicht der Spruch am Grill weh, sondern dass Alex daneben stand und nach der Wurst gefragt hat.

Alex

Er wollte die Lage beruhigen und seinen Freund nicht vor allen bloßstellen. Erst im Auto versteht er, dass sein Schweigen für alle am Grill wie Zustimmung aussah.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.