Ich dachte, du machst das
Victoria muss an alles denken: Einkauf, Wäsche, Briefe, Geburtstage. Sam erledigt jede Aufgabe, sobald sie ihn darum bittet, und versteht nicht, was daran falsch sein soll. Für Victoria ist das Erinnern selbst die Arbeit, die keiner sieht.

Am Mittwochabend stand Victoria im Flur und sah auf die Rudersachen. Eine nasse Hose über der Heizung, zwei Socken auf dem Schuhschrank, das Handtuch auf dem Boden, darunter ein feuchter Fleck auf dem neuen Boden. Sie hatte acht Stunden im Café Limonaia gestanden und vierzig Minuten im Bus gesessen, und auf dem Heimweg war ihr eingefallen, dass kein Brot im Haus war, dass die Hausverwaltung seit zwei Wochen auf einen Termin für die Rauchmelder wartete und dass Claudia am Samstag Geburtstag hatte. Sie hob das Handtuch auf. Dann legte sie es wieder hin, genau dorthin, wo es gelegen hatte.
Sam saß am Esstisch, die Ärmel hochgekrempelt, vor sich ein Buch über einen Erfinder und einen Teller Nudeln von gestern. „Hey, Vici. Ich hab dir was übrig gelassen.“ Er sah auf und lächelte, dann sah er ihr Gesicht. „Was ist?“
„Der Brief von der Hausverwaltung hängt seit zwei Wochen am Kühlschrank“, sagte Victoria. „Wir haben kein Brot. Kein Waschmittel. Die Wäsche liegt seit Sonntag im Korb. Deine Mutter hat am Samstag Geburtstag, und es gibt keine Karte. Und deine Rudersachen liegen im Flur. Wie jeden Tag.“
Sam legte die Gabel weg. Er war ehrlich überrascht. „Ich mache doch auch was. Ich habe gestern gespült. Ich habe am Montag den Müll runtergebracht und am Wochenende die Lampe im Bad aufgehängt.“ „Weil ich es dir gesagt habe.“ „Ja. Und dann habe ich es gemacht.“ Er sagte es ruhig, und je ruhiger er war, desto lauter wurde sie. „Genau das ist es! Ich sage es, und du machst es. Ich muss an alles denken, Sam. An alles! Ich will nicht jeden Abend eine Liste vorlesen wie eine Chefin. Ich dachte, wir wohnen zusammen. Nicht, dass ich zwei Leute verwalte.“ Sam sagte nichts mehr. Er wurde immer leiser, wenn sie lauter wurde, und an diesem Abend war er fast still.
Victoria ging auf den Balkon. Es war kalt, das Feld hinter dem Neubau lag dunkel da, drüben brannte Licht im Bootshaus des Rudervereins. Sie stand neben Oma Lucias Zitronenbäumchen und atmete. Nach fünf Minuten sah sie sich in der Scheibe der Balkontür: den Blazer aus dem Café noch an, die Haare halb offen und in der Hand das nasse Handtuch, das sie offenbar wieder aufgehoben hatte, ohne es zu merken. Sie lachte so laut, dass unten jemand ein Fenster schloss.
Als sie hereinkam, hatte Sam die Rudersachen weggeräumt und Tee gemacht. Er saß am Tisch, als würde er auf eine Prüfung warten. „Ich will es verstehen“, sagte er. „Nicht nur aufräumen. Verstehen.“ Victoria setzte sich. „Du machst alles, wenn ich es sage. Das ist lieb von dir. Aber das Denken bleibt bei mir. Dass das Brot alle ist, sehe ich. Dass deine Mutter Geburtstag hat, weiß ich. Dass die Rauchmelder geprüft werden müssen, merke ich mir. Das ist auch Arbeit. Nur sieht sie keiner.“
Sam drehte die Tasse in den Händen. „Ich dachte, du machst das gern. Du hast doch immer einen Plan.“ „Für mein Leben, ja. Nicht für deine Socken.“ Er lächelte kurz, dann wurde er ernst. „Schreib mir auf, was du an einem Tag alles im Kopf hast. Nur einen Tag. Ich will es sehen.“
Am nächsten Abend lag die Liste auf dem Tisch, zwei Seiten in Victorias runder Schrift, von „Zahnpasta fast leer“ über „Chiara fragen, ob sie den Blazer zurückbringt“ bis „Sams Hemd für Freitag noch nicht gewaschen“. Sam las sie zweimal, langsam, so wie er im Praktikum seine Rechnungen las. Bei der Zeile mit seinem Hemd hielt er an. „Das hast du auch im Kopf?“ „Seit Montag.“ Er schwieg lange. Dann sagte er: „Das ist nicht fair.“ „Nein.“ „Ich meine nicht dich. Ich meine, wie es gerade läuft.“
Sie saßen bis elf am Tisch. Victoria wollte zuerst einen bunten Plan malen, aber Sam legte die Hand auf ihren Stift, und sie machten Bereiche statt Farben. Sam nahm alles mit Papier und Zahlen: Briefe, Rechnungen, das Haushaltskonto, die Termine mit der Hausverwaltung, dazu die Wäsche, ganz, vom Korb bis in den Schrank. Victoria nahm die Küche und die Vorräte, die Kreidetafel am Kühlschrank und den Familienkalender mit allen Geburtstagen, von Nonna bis Oma Hilde. „Und das Wichtigste“, sagte sie. „Wer einen Bereich hat, denkt selbst daran. Kein Erinnern. Auch nicht nett gemeint.“ Sam nickte. „Ein Wort ist ein Wort.“ Für die Rudersachen schraubte er noch in derselben Nacht einen Haken an die Badezimmertür, sehr leise, damit die Nachbarn nicht aufwachten.
In der ersten Woche musste Victoria sich zweimal auf die Zunge beißen. Am Donnerstag quoll der Wäschekorb über, und sie ging dreimal daran vorbei und sagte nichts. Am Freitagmorgen lag die Wäsche gefaltet auf dem Stuhl, ihre Blusen hingen auf Bügeln, und obenauf lag ein Zettel: „Bereich Wäsche. Erledigt, ohne Erinnern. S.“ Der Brief verschwand vom Kühlschrank, und ein paar Tage später kam ein Mann und prüfte die Rauchmelder. Victoria erfuhr es erst beim Abendessen, weil Sam es nebenbei erwähnte.
Nicht alles klappte. Die Karte für Claudia kam einen Tag zu spät an, weil Victoria sie geschrieben und die Briefmarke vergessen hatte, und Sam lachte so sehr, dass sie mitlachen musste. „Mein Bereich“, sagte sie. „Mein Fehler.“ „Unser Briefkasten“, sagte er.
Am Sonntag frühstückten sie auf dem Balkon, die Handys lagen in der Schale an der Tür. Den ersten Kaffee hatte Sam ihr gebracht wie jeden Morgen, bevor sie überhaupt die Augen offen hatte. Victoria hielt den Becher mit beiden Händen. „Weißt du, was mir aufgefallen ist? Den Kaffee hast du nie vergessen. Nicht ein einziges Mal, seit wir hier wohnen.“ Sam sah über das Geländer auf das Feld. „Der war ja auch nie deine Aufgabe“, sagte er. „Der war von Anfang an meiner.“ Victoria lehnte die Stirn an seine Schulter und sagte nichts, und das kam bei ihr selten vor.
Ist Arbeit fair verteilt, wenn einer alles erledigt, aber der andere an alles denken muss?
Zwei Blickwinkel
Ich will keine Chefin sein, die Aufgaben verteilt. Ich will, dass wir beide an unser Zuhause denken.
Ich habe alles gemacht, worum sie mich gebeten hat. Dass das Bitten selbst die Arbeit war, habe ich erst auf ihrer Liste gesehen.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.