Die Jacke
Ihr Vater stellt am Küchentisch eine Frage. Nora gibt die Antwort, die am wenigsten kostet. Vorerst.

Die Jacke hing jahrelang im Flur, bevor sie ihr gehörte. Dunkelgrün, gewachste Baumwolle, ein Cordkragen, an den Rändern weich geworden. Ihr Vater trug sie auf Baustellen, bis der Reißverschluss aufgab. Nora nahm sie an einem Regenabend mit fünfzehn, weil ihre eigene nass war, und gab sie nie zurück. Er sagt bis heute „meine Jacke“, wenn er Nora meint.
Heute Abend sitzt er mit dem aufgeklappten Laptop am Küchentisch, und das ist nie ein gutes Zeichen. Angebote. Rechnungen. Ein Kunde, der nicht zahlt. Ihre Mutter hat Spätschicht. Ihr kleiner Bruder tut im Nebenzimmer so, als würde er Hausaufgaben machen, und zwar laut.
„Setz dich mal kurz“, sagt ihr Vater. Er dreht den Bildschirm, damit sie eine Tabelle sieht, die sie nicht versteht. „Im März zwanzig Jahre“, sagt er. „Ewig mache ich das nicht.“ Den Rest sagt er nicht. Muss er auch nicht. Der Betrieb trägt seinen Namen auf dem Transporter und, wenn es nach ihm ginge, eines Tages ihren an der Tür.
Nora weiß drei wahre Dinge gleichzeitig. Sie kann das; sie hat mit zwölf eine Lampe angeschlossen und seitdem jede Sicherung im Haus gewechselt. Sie liebt ihn dafür, dass er fragt. Und in ihrer Schreibtischschublade liegt die Zeichnung eines Hauses, die noch niemand gesehen hat.
„Vielleicht“, sagt sie. Es ist das kleinste Wort, das sie besitzt. Er nickt, als wäre es ein Ja, klappt den Laptop zu und geht ihren Bruder suchen. Nora bleibt in der zu großen Jacke am Tisch sitzen, die Ärmel über den Händen, und denkt darüber nach, dass sich „vielleicht“ heute Abend wie Rücksicht anfühlt und im Frühling wie eine Lüge.
Nora hat „vielleicht“ gesagt, um Zeit zu gewinnen. War das rücksichtsvoll oder unfair ihm gegenüber? Wann ist eine halbe Antwort die ehrliche, und wann nur die bequeme?
Zwei Blickwinkel
Er hat zwanzig Jahre lang mit seinen Händen etwas aufgebaut und möchte, dass es ihn überlebt. Seine Tochter zu fragen ist das größte Kompliment, das er kennt.
Sie will kein fertiges Leben überreicht bekommen, auch kein gutes. Aber sie will auch nicht diejenige sein, die beendet, was er angefangen hat.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.