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Neugier & Privatsphäre · 5 Minuten Lesezeit

Das Geheimnis im Garten

Daria will wissen, was in der Kiste ist, und zwar jetzt; mit einem Dreh wäre das Schloss offen. Christian will es genauso dringend wissen, glaubt aber, dass die Kiste jemand anderem gehört. Darf man alles herausfinden, nur weil man es finden konnte?

Christian mit einer Lupe

Ende Oktober ist Darias Garten ein einziger Laubhaufen. Ihr Vater zahlt fünfzig Cent pro voller Tüte, für die Schweinchen-Kasse, und Daria hat ausgerechnet, dass sie bei diesem Apfelbaum reich werden. Christian rechnet nach und sagt: „Nicht reich. Aber genug für zwei Sack Heu.“ Ganz hinten, wo die alte Hecke so dick ist, dass man nicht hindurchsieht, stößt Darias Rechen auf etwas Hartes. Kein Stein. Es klingt hohl.

Daria kniet sich hin und reißt Efeu und Erde zur Seite. Eine Holzkiste, so groß wie ein Schuhkarton, dunkel und an den Ecken weich geworden, halb eingewickelt in ein Tuch, das einmal Wachstuch war. Eisenbeschläge, ein kleines Vorhängeschloss, braun vor Rost. Daria hebt die Kiste hoch und schüttelt sie. Es klirrt. „Hörst du das? Da ist Metall drin. Münzen!“

Christian kniet sich neben sie und fasst die Kiste nicht an. Er holt die Lupe aus seinem Rucksack und beugt sich über den Deckel. Unter dem Moos sind Buchstaben eingeritzt, mit einem Messer, ein bisschen schief: „H. B.“ Darunter eine Zahl, von der nur noch eine Sechs zu erkennen ist.

„Mein Garten, meine Kiste“, sagt Daria. „Die Hecke ist älter als wir beide zusammen“, sagt Christian. „Und die Kiste lag unter den Wurzeln. Die hat jemand dahin gelegt, bevor die Hecke so dick war.“ „Also gehört sie keinem mehr.“ „Oder jemandem, der sie vergessen hat.“ Daria rüttelt am Schloss. „Du hast doch deinen kleinen Schraubenzieher dabei. Das Schloss ist sowieso halb kaputt. Ein Dreh.“ „Den hab ich“, sagt Christian. „Genau deshalb frag ich ja.“

„Wenn wir sie aufmachen“, sagt Daria, „wissen wir, wem sie gehört. Vielleicht steht drin ein Name.“ Das ist ein gutes Argument, und Christian weiß es. Er schweigt eine Weile. „Und wenn drin etwas ist, das nicht für uns ist?“ „Was soll in einer Kiste unter einer Hecke sein, das nicht für uns ist?“ „Keine Ahnung“, sagt Christian. „Deshalb ist es ja eine Kiste mit Schloss.“ Daria verdreht die Augen. „Willst du gar nicht wissen, was drin ist?“ Christian sieht sie an, und in seinem Gesicht steht dieselbe Ungeduld wie in ihrem, nur leiser. „Doch. Ich will es genauso sehr wissen wie du. Ich will es nur richtig wissen.“

Dann macht er einen Vorschlag. „H. B. Wir fragen in der Straße. Wenn es keinem gehört, machen wir sie zusammen auf.“ „Das dauert Tage“, sagt Daria. „Nicht, wenn du fragst.“ Daria grinst, weil das stimmt. Sie kann an jeder Tür klingeln und in drei Sätzen alles erklären. Sie geht im Kopf die Klingelschilder der Straße durch: „H. B. ... Frau Müller nicht. Filip nicht. Wir nicht.“ Christian sagt nichts. Er sieht über den Gartenzaun auf die andere Straßenseite, wo Herr Berger auf seiner niedrigen Steinmauer sitzt, die Zeitung auf den Knien. Daria folgt seinem Blick. „Herr Berger heißt Heinrich“, sagt sie langsam. Sie weiß das, weil sie ihm einmal heimlich eine Rechnung geschrieben hat, die sie nie abgegeben hat.

Sie gehen hinüber, Daria vorneweg, Christian mit der Kiste in beiden Händen. „Entschuldigung, Herr Berger, darf ich Sie etwas fragen?“ Daria wartet die Antwort nicht ab. „Gehört Ihnen vielleicht eine Kiste?“ Christian stellt sie auf die Mauer. Herr Berger faltet die Zeitung zusammen und sieht die Kiste lange an. Er nimmt die Brille ab und setzt sie wieder auf. Dann fährt er mit dem Daumen über das H. „Die habe ich zweiundsechzig Jahre nicht gesehen“, sagt er. Christian rechnet und sieht Daria an. Herr Berger war zehn. So alt wie sie.

„Als ich so alt war wie ihr“, sagt Herr Berger, „stand bei euch noch kein Haus. Da war eine Wiese mit dieser Hecke, und wir haben dort Fußball gespielt.“ Er habe die Kiste vergraben, an seinem zehnten Geburtstag, und den Schlüssel in den Bach geworfen, damit er nicht schummelt. „Ich wollte sie aufmachen, wenn ich erwachsen bin. Dann habe ich vergessen, dass ich erwachsen geworden bin.“ Daria lacht und hört sofort wieder auf, weil Herr Berger dabei nicht lacht. „Was ist drin?“, fragt sie. „Weiß ich nicht mehr genau. Wollt ihr es herausfinden?“

Daria sieht Christian an. „Jetzt darfst du.“ Christian holt den kleinen Schraubenzieher aus dem Rucksack. Es dauert vier Minuten, Herr Berger hält die Kiste fest, und dann gibt der Bügel nach. Drin liegen keine Münzen. Fünf Glasmurmeln, die geklirrt hatten. Ein Taschenmesser mit Holzgriff. Eine alte Münze mit einem Loch in der Mitte, die es längst nicht mehr gibt. Ein Foto, schwarz-weiß, von einer Jungenmannschaft mit einem Fußball. Und ein klein gefalteter Zettel, auf dem außen steht: „An Heinrich, wenn er groß ist.“

Herr Berger nimmt den Zettel, sieht ihn an und steckt ihn ungeöffnet in die Brusttasche. Den Rest des Nachmittags sitzen sie zu dritt auf der Mauer und sortieren. Christian legt alles in eine Reihe, Daria stellt zu jedem Ding eine Frage, und Herr Berger erzählt. Die Münze war sein erstes eigenes Geld, fürs Zeitungsaustragen. Auf dem Foto zeigt er auf einen Jungen mit abstehenden Ohren in der ersten Reihe. „Das bin ich.“ Daria fragt, ob er sauer gewesen wäre, wenn sie die Kiste einfach aufgemacht hätten. Herr Berger überlegt. „Sauer nicht. Aber dann hättet ihr fünf Murmeln gehabt und keine Geschichte.“

Als die Laterne angeht, gehen sie zurück über die Straße. „Was glaubst du, steht auf dem Zettel?“, fragt Daria. „Weiß ich nicht“, sagt Christian. „Willst du es nicht wissen?“ „Doch. Sehr.“ Sie drehen sich beide um. Herr Berger sitzt noch auf der Mauer, die Brille auf der Stirn, und liest etwas, das klein ist und weiß. Daria juckt es in den Fingern, so sehr will sie wissen, was da steht. Sie bleibt trotzdem auf ihrer Straßenseite.

Was würdest du als Nächstes tun?

Darf man alles herausfinden, nur weil man neugierig ist? Und wo fängt das an, was einem anderen gehört, auch wenn es im eigenen Garten liegt?

Zwei Blickwinkel

Daria

Die Kiste lag in ihrem Garten, und sie war sicher, dass Aufmachen der schnellste Weg zur Antwort ist. Dass Fragen schneller sein kann, hat sie überrascht.

Christian

Er war genauso neugierig wie Daria. Er wollte nur nicht etwas wissen, das ihm keiner erzählen wollte.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.