Deine Entscheidung
Victoria bekommt eine große Chance im Labor, mit mehr Verantwortung und langen Abenden. Sam freut sich, macht sich aber Sorgen um ihren Alltag und stellt viele Fragen. Victoria hört darin, dass er ihr die Sache nicht zutraut.

Victoria nahm die Treppe in großen Schritten und stand mit roten Wangen in der Küche, ein ausgedrucktes Schreiben in der Hand. „Sie hat mich gefragt! Die Professorin! Mich!“ Sam stand am Herd und rührte in einer Suppe. Victoria las vor: eine Stelle als studentische Hilfskraft in einem Forschungsprojekt, zusammen mit einem Labor der Kriminaltechnik. Fasern unter dem Mikroskop, Spuren, die erzählen, wo jemand gewesen ist. Zwölf Stunden in der Woche, ab nächstem Monat, oft bis spät, wenn eine Messreihe lief, und ab und zu ein Samstag. „Weißt du, wie viele sie gefragt hat? Eine. Mich.“
Sam legte den Löffel weg, hob sie hoch, als wäre sie leicht wie ein Kissen, und drehte sie einmal in der kleinen Küche, sodass sie fast den Topf vom Herd fegten. „Vici. Das ist groß.“ Sie lachte. Dann stellte er sie ab und fragte: „Zwölf Stunden. Und das Café?“
Es war nur eine kleine Frage. „Weniger“, sagte Victoria. „Ich rede mit Nonna.“ „Mittwoch und Samstag?“ „Vielleicht nur noch Samstag.“ „Und die Messreihen am Abend, wie kommst du dann nach Hause? Der letzte Bus fährt um halb zwölf.“ „Dann nehme ich den.“ „Und wann lernst du für Analytik? Und der Sonntag?“ Sam stellte jede Frage sanft, aber für Victoria war jede wie ein Stein in einer Mauer, die plötzlich zwischen ihr und dem Brief stand.
„Weißt du, wie du klingst?“, sagte sie, schon lauter. „Wie meine Mutter. ‚Bist du sicher? Ist das nicht zu viel?‘ Ich dachte, wenigstens du freust dich einfach.“ „Ich freue mich.“ „Dann hör auf, mir vorzurechnen, warum es nicht geht!“ Sam wurde leise. „Ich rechne nicht, warum es nicht geht. Ich rechne, wie es geht.“ Aber das hörte sie nicht mehr. Sie war schon auf dem Balkon.
Dort stand sie neben dem Zitronenbäumchen und sah auf das dunkle Feld. Sie dachte an Giulia, die bei jedem großen Schritt erst die Augenbraue hob. Sie dachte an ihren Fünfjahresplan, mit Bleistift auf die Innenseite ihres Kalenders geschrieben. Dort stand „Hilfskraft im Labor“, für nächstes Jahr. Es kam ein Jahr zu früh. Warum nicht heute? Und plötzlich musste sie lachen, weil sie gerade auf den einzigen Menschen wütend war, der wissen wollte, wie sie nachts sicher nach Hause kam.
Als sie hereinkam, hatte Sam den Herd ausgeschaltet. Er saß am Tisch, vor sich ein leeres Blatt. „Ich sage dir, was mich beschäftigt“, sagte er. „Einmal, alles. Danach sage ich nichts mehr dazu, und du entscheidest.“ Victoria nickte und setzte sich. „Ich habe Angst, dass du nachts allein an der Haltestelle stehst. Ich habe Angst, dass du dich zwischen Labor und Nonna zerreißt, weil du keinem absagen kannst. Und ich habe ein bisschen Angst um unsere Abende. Das ist alles. Das sind meine Sorgen. Nicht deine Gründe.“ Er schob ihr das leere Blatt hin. „Es ist deine Entscheidung. Ich will nur nicht, dass du sie allein trägst.“
Victoria sah ihn an. Sie dachte an ihren Vater, der ihr nie gesagt hatte, was sie werden sollte, und ihr mit vierzehn trotzdem das Periodensystem an die Wand gehängt hatte. „Du willst mir nicht sagen, was ich machen soll?“ „Nein. Ich will wissen, was du willst.“ „Ich will das. Mehr als fast alles.“ „Dann ist es entschieden“, sagte Sam und machte den Herd wieder an.
Am nächsten Nachmittag fuhr sie ins Café Limonaia. Es war Mittwoch, und Daria stand auf einem Stuhl und schrieb mit Kreide „Zitronenkuchen“ an die Tafel, mit einem schiefen Z. Victoria erzählte Nonna alles und wartete auf Enttäuschung. Lucia wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah sie lange an. „Ich habe dich mit drei Wochen hinter diesen Tresen getragen, Vittoria. Nicht, damit du für immer hier stehst.“ Dann hob sie einen Finger. „Samstags bleibst du. Samstags brauche ich dich. Und mittwochs kommt Daria früher.“ Von der Tafel kam sofort: „Krieg ich dann auch Lohn?“ „Du kriegst Kuchen“, sagte Lucia.
Victoria unterschrieb. Die erste lange Messreihe kam zwei Wochen später. Am Nachmittag, bevor das Handy in den Spind musste, schrieb sie Sam: „Messung läuft bis zehn. Handy im Spind. Freu mich auf dich.“ Als sie um Viertel nach zehn aus dem Laborgebäude kam, stand Sam unter der Laterne am Eingang, sein Rad neben sich und zwei Becher Tee in der Hand. Er hatte nicht gefragt, ob sie abgeholt werden wollte. Er hatte eine Woche vorher nur gesagt: „An langen Abenden hole ich dich ab. Wenn du das nicht willst, sag es.“ Sie hatte es nicht gesagt.
Auf dem Heimweg erzählte sie von den Fasern unter dem Mikroskop, davon, wie ein einziger blauer Faden verraten kann, wo jemand gewesen ist. Sam schob das Rad und hörte zu. Zu Hause sah die Küche genauso aus, wie sie sie am Morgen verlassen hatten, Geschirr in der Spüle, Wäsche auf dem Stuhl. Victoria seufzte. Wie lange das gut gehen würde mit zwölf Stunden Labor, dem Café, den Prüfungen und einem Haushalt, der gerade erst ein System bekommen hatte, wusste keiner von beiden. Sam stellte die Teebecher zu dem anderen Geschirr. „Morgen“, sagte er. „Heute warst du im Labor.“
Wie unterstützt man jemanden bei einer großen Entscheidung, wenn man selbst Sorgen hat, ohne ihm die Entscheidung abzunehmen?
Zwei Blickwinkel
Ich wollte, dass er sich einfach freut. Erst später habe ich verstanden, dass seine Fragen auch eine Art waren, sich zu freuen.
Ich wollte nicht für sie entscheiden. Ich wollte nur, dass sie weiß, was mich beschäftigt, und dass sie mit dem Rest nicht allein ist.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.