Deine Familie, meine Familie
Zwei Familienfeste am selben Tag, und jeder will den anderen überzeugen, zu seiner Familie zu gehen. Aus der Terminfrage wird schnell die Frage, wessen Familie wichtiger ist. Dabei will keiner von beiden, dass eine Familie verliert.

Die beiden Einladungen hingen nebeneinander am Kühlschrank. Links eine dicke cremefarbene Karte mit einer gemalten Zitrone, in Giulias schöner Schrift: „Nonna wird siebzig. Samstag, Café Limonaia.“ Rechts ein Stück gehobeltes Holz, die Buchstaben eingebrannt: „Karl Wagner, 80. Samstag, Tischlerei. Alle an einen Tisch.“ Victoria bemerkte es am Dienstagabend, als sie Nonnas Karte neben Opa Karls Brett hängte. Derselbe Samstag.
„Sam. Hast du gesehen, was auf deinem Brett steht?“ Er kam aus dem Flur, sah hin und wurde still. „Samstag.“ „Samstag! Nonna wird siebzig. Siebzig, Sam.“ Er sagte sehr ruhig: „Opa wird achtzig.“ Dann standen sie beide vor dem Kühlschrank, als könnten die Einladungen es unter sich ausmachen.
„Nonna hat das Café mit fast nichts aufgebaut“, sagte Victoria. „Ich bin hinter diesem Tresen groß geworden. Ich backe ihren Geburtstagskuchen, seit ich vierzehn bin. Das macht sonst keiner.“ „Opa hat die Tischlerei gegründet“, sagte Sam. „Er hat seit Jahren nichts mehr gewollt, keine Feier, gar nichts. Und jetzt brennt er auf ein Brett: Alle an einen Tisch. Alle, Vici.“ „Und meine Familie ist nicht alle?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Aber gemeint! Bei euch ist es ein Fest, und bei uns ist es nur Kuchen, oder was?“ Sie wurde lauter, er wurde leiser, und dann rutschte ihm doch ein Satz heraus: „Bei euch ist jeden Dienstag Fest.“ Kaum hatte er es gesagt, sah man ihm an, dass er es zurückhaben wollte.
„Willst du jetzt zählen?“, fragte Victoria. „Dienstage gegen Geburtstage? Das mache ich nicht.“ Sie griff nach dem Müllbeutel und ging hinunter in den Keller, zu den vier Tonnen. Dort stand sie, den Beutel noch in der Hand, und merkte plötzlich, was sie da oben gemacht hatten: Sie hatten sich mit Großeltern überboten. Siebzig, achtzig. Beim nächsten Mal hätte sie Opa Rolf mit sechsundsiebzig ins Rennen geschickt. Sie lachte, allein zwischen den Mülltonnen, bis ihr die Augen tränten.
Oben saß Sam auf dem Küchenboden, den Rücken am Kühlschrank, die beiden Einladungen über seinem Kopf. Victoria setzte sich neben ihn. „Wir machen das falsch“, sagte sie. „Wir reden, als müsste eine Familie verlieren.“ Sam nickte. „Erzähl mir, was der Samstag für dich ist. Nicht, wer wichtiger ist. Was er ist.“
Victoria erzählte. Von Nonnas Geburtstagen im Wintergarten unter dem Zitronenbaum, mit Lichterketten zwischen den Blättern. Davon, dass Nonna am Ende immer dasselbe Lied singt, ein bisschen schief, und alle mitsingen. Von dem Kuchen, den nur Victoria nach Nonnas Rezept backen darf. „Wenn ich nicht da bin, backt sie ihn selbst, an ihrem eigenen Geburtstag. Und sie würde kein Wort sagen. Das ist das Schlimmste.“ Dann erzählte Sam. Von Opa Karl, der mit achtzig noch jeden Tag in der Werkstatt steht. Von dem ersten Brett, das Sam mit sechs gehobelt hat, Opas Hände über seinen. „Er hält keine Reden. Aber er hat mich gefragt, ob ich am Tisch etwas sage. Mich, nicht Felix. Dabei redet Felix viel besser.“ „Du redest gut, wenn es wichtig ist“, sagte Victoria.
Dann griffen sie zum Telefon, was sie gleich hätten tun können. Lucia sagte: „Mittags ist mein Café voll, Vittoria. Gefeiert wird, wenn die letzten Gäste weg sind. Um sieben.“ Claudia lachte am anderen Ende: „Opa will um zwölf essen. Um fünf schläft er im Sessel, das weißt du doch.“ Victoria und Sam sahen sich an, fast enttäuscht, dass es so einfach war. Ganz einfach war es aber nicht. Der Kuchen brauchte einen ganzen Vormittag, und den gab es am Samstag nicht mehr. Also backte Victoria am Freitagabend bis nach Mitternacht, und Sam saß am Küchentisch, schrieb an seinen drei Sätzen für Opa Karl, strich sie fünfmal durch und probierte vom Teig.
Am Samstagmittag stand die lange Tafel in der Tischlerei zwischen den Hobelbänken, es roch nach Holz und nach Braten, Oma Hilde hatte ihren Kartoffelsalat gemacht, und Bernds Lachen füllte die Halle. Sam stand auf, sagte seine drei Sätze und setzte sich wieder. Opa Karl nickte einmal, und das war bei ihm mehr als eine Rede. Victoria hatte aus demselben Teig einen zweiten, kleineren Kuchen gebacken. Karl aß zwei Stücke und sagte: „Gut gemessen.“ Um fünf umarmte Claudia sie an der Tür. „Geht. Lucia wartet.“
Im Limonaia hatte Daria eine große 70 mit einer Krone an die Kreidetafel gemalt, und Chiara hatte den Wintergarten geschmückt. Giulia stand an der Tür und sah auf die Uhr. „Ihr kommt spät.“ „Wir kommen von meinem Großvater“, sagte Sam. „Er ist heute achtzig geworden.“ „Hm“, sagte Giulia und nahm Victoria den Kuchen ab. Sam holte Stühle aus dem Keller, Lucia nannte ihn „il gigante“ und gab ihm das größte Stück. Am Ende sang Nonna ihr Lied, schief wie immer. Victoria sang mit, und Sam summte, weil er den Text nicht kannte.
Im letzten Bus nach Hause nickte ihnen Michael Ellis vom Fahrersitz aus zu. Victoria holte ihren Kalender und einen Bleistift aus der Tasche. „Im Januar setzen wir uns hin“, sagte sie. „Wir beide, mit allen Geburtstagen und allen Festen von beiden Familien. Bevor uns wieder zwei Bretter überraschen.“ „Ein Brett und eine Karte“, sagte Sam. „Du weißt, was ich meine.“ Sie lehnte sich an ihn. Giulias „Ihr kommt spät“ hatte sie immer noch im Ohr, und sie wusste nicht, ob ihre Mutter je sagen würde, dass es schön war, sie beide da zu haben. „Sie hat dir den Kuchen abgenommen“, sagte Sam. „Bei Mama“, sagte Victoria, „ist das fast eine Umarmung.“
Wie wird man als Paar zu einer eigenen Familie, ohne die Familien, aus denen man kommt, aus dem Blick zu verlieren?
Zwei Blickwinkel
Ich wollte nicht, dass Nonna an ihrem Geburtstag ihren eigenen Kuchen backt. Gegen Opa Karl hatte ich nie etwas.
Opa hat seit Jahren um nichts gebeten. Als er es endlich tat, konnte ich nicht einfach fehlen.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.