Du hast es versprochen
Christian sagt kurzfristig ab und entscheidet sich für die Tanzprobe statt für das Gehege. Daria fühlt sich im Stich gelassen, denn es friert und er hatte es versprochen. Wie viel darf man von einem Versprechen erwarten, wenn der andere auch etwas hat, das ihm wichtig ist?

Das Holz lag seit Mittwoch im Gartenhäuschen: vier Bretter, eine Platte, zwei Scharniere und ein Sack Stroh, bezahlt aus der Schweinchen-Kasse, 37 Euro. Christian hatte die Quittung abgeheftet. An der Tür hing sein Plan für das Etagengehege, mit Maßen bis auf den halben Zentimeter, damit Rocky, Mr. Grey, Toffy und Mojito den Winter drinnen verbringen konnten. Am Donnerstag an der Hecke hatte er gesagt: „Samstag um neun. Versprochen.“ Handschlag, Abklatschen. Für Samstagnacht war der erste Frost angesagt.
Am Samstag um zwanzig vor neun hatte Daria schon gefüttert und das Werkzeug auf den Gartentisch gelegt, in einer Reihe, so wie Christian es mochte. Dann kam er durch die Lücke in der Hecke, ohne Arbeitshandschuhe. Über der Schulter trug er den Turnbeutel, den niemand öffnen durfte, weil die Tanzschuhe darin waren. Daria sah den Beutel und wusste es, bevor er etwas sagte.
„Herr Ivanov hat gestern Abend angerufen“, sagte Christian. „Zusatzprobe für die Aufführung. Von zehn bis zwei. Marie kann ohne mich nicht proben.“ „Gestern Abend? Und das sagst du jetzt?“ „Ich hab die halbe Nacht überlegt, ob ich bei dir absage oder bei ihm.“ „Und?“ Christian sah sie an und nicht auf seine Schuhe. „Ich hab mich für die Probe entschieden.“ Er sagte es ohne „aber“ und ohne „eigentlich“, und das machte es für Daria schwerer, wütend zu sein, und gleichzeitig leichter.
„Du hast es versprochen“, sagte sie. „Mit Handschlag.“ „Ich weiß.“ „Heute Nacht friert es.“ „Ich weiß. Ich bin um halb drei zurück.“ „Dann ist es halb dunkel.“ Darauf hatte er keine Antwort. Er stand noch einen Moment da, die Hand am Riemen des Turnbeutels, dann ging er durch die Hecke zurück, und kurz darauf hörte Daria das Auto seiner Mutter.
„Wie schwer kann das sein“, sagte Daria laut und nahm den Plan von der Tür. Sie maß das erste Brett, zeichnete einen Strich und sägte. Sie maß einmal. Das Brett war zwei Zentimeter zu kurz. Sie trat gegen den Eimer, und die Meerschweinchen quiekten. Rocky sah sie an, als wollte er gleich eine Rede halten. „Er hat es versprochen“, sagte Daria zu ihm. Rocky fraß weiter.
Beim zweiten Brett, das sie diesmal zweimal maß, fiel ihr der Sommer ein. Damals war ihre Mutter mit ihr übers Wochenende zu einem großen Fest gefahren, das sie organisiert hatte, und Daria hatte Christian eine Stunde vorher Bescheid gesagt, dass er allein füttern musste. Zwei Tage, morgens und abends. Als sie zurückkam, war die Gewichtsliste ausgefüllt, und Christian hatte nur gesagt: „Gut, dass du wieder da bist.“ Sie hatte seitdem nicht mehr daran gedacht. Jetzt dachte sie daran und fand es unangenehm.
Um halb drei kam Christian zurück, wie er gesagt hatte. Da hatte Darias Vater schon geholfen, die Transportbox mit den vier Meerschweinchen für die Nacht in den Flur zu tragen, zwischen die Schuhe. Christian sah das zu kurze Brett und sagte nichts dazu. „Morgen um acht?“, fragte er. Daria zuckte mit den Schultern. „Wenn du nicht wieder tanzen musst.“ Es war gemein, und sie wusste es in dem Moment, in dem sie es sagte. Christian nickte nur und ging.
Am Abend saß Daria in ihrem Zimmer und konnte durch die Hecke in Christians Fenster sehen. Das Licht war an. Er stand vor dem Spiegel, Kopfhörer auf, die Arme gehoben, als hielte er jemanden, drehte sich, blieb stehen, bewegte die Lippen, als würde er zählen, und fing von vorne an. Er sah müde aus. Dieselbe Drehung, immer wieder, bis sie stimmte. Daria hatte ihm noch nie so lange dabei zugesehen. Sie zog den Vorhang erst zu, als bei ihm das Licht ausging.
Am Sonntag stand Christian um zehn vor acht am Gartentor, früher als ausgemacht. Er hatte den Plan dabei, eine Thermoskanne Kakao und eine Idee: Das zu kurze Brett passte genau als Rampe zwischen den Etagen, er hatte es gestern Abend nachgerechnet. Dann arbeitete er den ganzen Tag. Er sägte, er schraubte, er machte die schweren Teile, und Daria reichte Schrauben und redete. Mittags sagte er: „Diese Woche füttere ich. Morgens auch.“ „Morgens bin ich dran.“ „Diese Woche nicht.“ Und nach einer Weile: „Ich hätte es dir gestern Abend sagen müssen, nicht heute früh. Das andere würde ich wieder so machen.“ „Das ist eine blöde Entschuldigung“, sagte Daria. „Es ist keine Entschuldigung. Es ist die Wahrheit.“ Sie musste lachen, obwohl sie nicht wollte.
Am Abend saßen die vier im neuen Gehege im Gartenhäuschen, Mr. Grey ganz oben, als hätte er nie woanders gewohnt. Daria lehnte an der Tür. „Wann ist die Aufführung?“ Christian sah auf. „Am vierzehnten Dezember. Wie jedes Jahr. Warum?“ „Weil ich in der ersten Reihe sitze. Wie jedes Jahr. Und an dem Tag plane ich nichts anderes mit dir.“
Christian schwieg lange. Dann sagte er: „Am Vierzehnten.“ Und nach einer Pause, so leise, dass Mr. Grey es vielleicht als Einziger hörte: „Vielleicht darfst du doch kommen. Ich überlege es mir noch.“
Wie viel darf man von einem Versprechen erwarten? Und darf man eins brechen, wenn einem etwas anderes genauso wichtig ist?
Zwei Blickwinkel
Sie hatte alles vorbereitet, und es sollte frieren. Ein Handschlag war für sie ein Handschlag, bis sie sich an ihren eigenen Sommer erinnerte.
Er hat sich für die Probe entschieden und das nicht schöngeredet. Sein Fehler war nicht die Absage, sondern dass er eine Nacht lang damit gewartet hat.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.