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Entscheidungen & Zukunft · 4 Minuten Lesezeit

Wir hatten doch einen Plan

Weniger Zeit, unerwartete Ausgaben, mehr Arbeit als gedacht: Von ihrem gemeinsamen Plan ist kaum etwas übrig. Victoria fragt sich, ob sie zu viel erwartet hat. Sam will nicht, dass aus jeder Abweichung ein Problem wird, und Victoria hört darin, dass es ihm egal ist.

Victoria und Sam stehen Kopf an Kopf

Victoria fand den Zettel, als sie in der obersten Küchenschublade nach Backpapier suchte. Zweimal gefaltet, mit Kugelschreiber beschrieben, oben in ihrer Schrift: „Unser Plan“. Sie wusste sofort, wann sie ihn geschrieben hatten. Am Abend, an dem sie den Mietvertrag unterschrieben hatten, im Wintergarten des Limonaia. Sam hatte bezahlt, und Nonna hatte ihnen ungefragt ein zweites Stück Kuchen hingestellt.

Sie las. Jeden Abend zusammen essen. Jeden Sonntag raus, Handy aus. Bis Weihnachten 1.000 Euro auf dem Polster. Bis Weihnachten alles eingerichtet. Donnerstags zusammen tanzen. Einmal im Monat Spieleabend mit Kathi und Jakob. Darunter zwei Unterschriften, ihre mit Schwung, seine ordentlich.

Drei Monate war das jetzt her. Victoria zählte mit dem Finger nach. Zusammen essen: Sams Zug fuhr um zwanzig vor sieben, sie hatte ihre langen Abende im Labor, es klappte vielleicht zweimal in der Woche. Die Sonntage: meistens ja, aber zweimal nicht, einmal stand Chiara nach einem Streit mit Giulia vor der Tür, einmal hatte Victoria den ganzen Tag für Analytik gelernt. Das Polster: Sams Rad war kaputtgegangen, 140 Euro, und statt auf dem Weg zu 1.000 lag es wieder bei 410. Eingerichtet: Im Flur hing eine nackte Glühbirne, und im Schlafzimmer klemmte ein Bettlaken als Vorhang am Fenster. Tanzen: Sam war zweimal bei Herrn Ivanov gewesen, beide Male mit dem Gesicht eines Mannes beim Zahnarzt. Spieleabend: einmal.

Als Sam vom Training kam und die Rudersachen an den Haken hängte, saß sie auf dem Küchenboden, den Zettel auf den Knien. „Was ist los?“ Sie reichte ihm das Blatt. Sie war nicht laut. Das beunruhigte ihn mehr als jedes Schimpfen. „Ich glaube, ich habe zu viel erwartet“, sagte sie. „Von uns. Von mir.“

Sam las den Zettel und setzte sich neben sie, mit dem Rücken an den Schrank. „Das ist doch normal, Vici. Es ist halt anders gekommen. Nicht jede Abweichung ist ein Problem.“ „Für dich ist nie irgendwas ein Problem.“ Jetzt wurde sie doch lauter. „Du sagst ‚normal‘, und ich höre: egal. Ich habe das aufgeschrieben, weil es mir wichtig war. Und jetzt hält fast nichts davon.“ Sam wurde leiser. „Mir ist es nicht egal. Ich will nur nicht, dass wir jeden Monat diesen Zettel nehmen und nachsehen, was wir nicht geschafft haben. Dann wird aus jedem Abend ein Versagen.“

Victoria sah auf das Blatt. Fünf Minuten lang sagte sie gar nichts. Dann fiel ihr etwas auf, und sie musste lachen. „Kuli“, sagte sie. „Ich schreibe meine Pläne immer mit Bleistift. Immer. Meinen Fünfjahresplan, meine Laborpläne, alles, damit ich sie ändern kann. Und den hier schreibe ich mit Kuli.“ Sam lächelte. „Weil du verliebt warst und eine Wohnung hattest.“ Da lachte sie noch mehr, und er holte einen Bleistift aus der Schublade.

Sie gingen den Zettel Punkt für Punkt durch. Jeden Abend zusammen essen wurde zu drei festen Abenden, Montag, Mittwoch und Freitag, und an den anderen fand, wer später kam, einen Teller mit einem Zettel im Kühlschrank. Der Sonntag blieb, da sagten sie es beide gleichzeitig. Die 1.000 Euro auf dem Polster verschoben sie auf den Sommer, aber etwas kam jeden Monat dazu, ohne Ausnahme. „Ein Wort ist ein Wort“, sagte Sam und schrieb es dazu. „Bis Weihnachten alles eingerichtet“ strich Victoria durch und schrieb darüber: „Wenn es fertig ist.“ Sam fügte hinzu: „Lampe im Flur: Sam, bis Sonntag.“

Beim Tanzen sah Sam lange auf die Zeile. „Jeden Donnerstag?“ „Zweimal im Monat“, sagte Victoria. „Und du darfst schlecht sein.“ „Ich bin schlecht.“ „Ich weiß, Sweetheart.“ Der Spieleabend blieb, Kathi hatte schon gefragt. Ganz unten schrieb Sam in seiner sorgfältigen Schrift eine neue Zeile: „Einmal im Monat diesen Zettel ansehen. Zusammen. Mit Bleistift.“ Sie klebten ihn innen an die Schranktür, dort, wo man ihn sah, wenn man einen Becher herausnahm.

Am Sonntag ließen sie die Handys in der Schale an der Tür und gingen zur kleinen Brücke über den Fluss, über die sie so oft spazierten. Es war kalt, Blätter trieben auf dem Wasser, unter ihnen glitt ein einzelnes Ruderboot hindurch. Victoria lehnte sich ans Geländer. „Und wenn der neue Plan auch nicht hält?“

Sam stand neben ihr und sah aufs Wasser. „Dann schreiben wir einen dritten.“ „Und einen vierten?“ „So viele, wie es braucht.“ Er zog sie an seine Seite. „Ich bin nicht wegen des Zettels mit dir eingezogen.“ Victoria legte ihre Stirn an seine. Sie standen eine Weile so, bis ihnen kalt wurde.

Am Sonntagabend hing die Lampe im Flur. Ob der Rest hielt, würden sie im nächsten Monat sehen. Mit Bleistift.

Was würdest du als Nächstes tun?

Ist ein gemeinsamer Plan gescheitert, wenn man ihn verändern muss?

Zwei Blickwinkel

Victoria

Ich hatte Angst, dass wir schon nach drei Monaten an unseren eigenen Zielen scheitern. Dabei waren nur die Ziele zu fest geschrieben.

Sam

Für mich zählt nicht, dass jede Zeile hält. Für mich zählt, dass wir sie zusammen ändern.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.