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Zukunft & Liebe · 4 Minuten Lesezeit

Nach der Schule

Alex denkt über eine Ausbildung mit Studium in einer anderen Stadt nach, und Nora reagiert zurückhaltend, weil sie Angst hat, ihn zu verlieren. Sie will ihn nicht festhalten, aber freuen kann sie sich auch nicht. Und sie hat selbst einen Plan, von dem er nichts weiß.

Nora und Alex stehen nebeneinander im Herbst, sie mit verschränkten Armen, beide lächeln

Im Wintergarten des Café Limonaia hängen die letzten Zitronen am Baum, und Alex hat Laub an den Schuhen. Er hat den ganzen Nachmittag Oma Lucias Garten geharkt, und Lucia hat ihn wie immer bezahlt: mit Geld in einem Umschlag und mit einem Stück Tiramisu, das für zwei reicht. Nora holt ihn ab, wie manchmal mittwochs. An der Kreidetafel steht Daria, Lucias jüngste Enkelin, auf einem Stuhl und schreibt mit sehr viel Schwung „Kürbissuppe“, mit drei Ausrufezeichen.

Alex zieht ein gefaltetes Blatt aus der Jackentasche und schiebt es über den Tisch. „Hat mir mein Klassenlehrer gegeben.“ Ein duales Studium, Mechatronik, bei einem Betrieb, der Maschinen für ganze Fabriken baut. Drei Jahre lernen und arbeiten, am Ende ein Ingenieursabschluss, und Geld vom ersten Tag an. „Die nehmen zwölf im Jahr“, sagt Alex. „Bewerbung bis Ende November.“ Er sagt es, wie er alles sagt, als ginge es ums Wetter. Nora liest den Ort. Sie kennt ihn nur von der Anzeigetafel am Bahnhof. „Drei Stunden mit dem Zug“, sagt sie. „Opa sagt, zwei Stunden fünfzig, wenn man den frühen nimmt.“

„Schön“, sagt Nora. Das ist ihr Wort für Dinge, die ihr gefallen. Heute klingt es wie eine Tür, die leise zugeht. Sie isst das Tiramisu und schmeckt nichts davon. Victoria kommt vorbei, räumt die Tassen ab und sieht von einem zum anderen, und Nora ist dankbar, dass Victoria die Art Mensch ist, die dann nichts sagt.

Auf dem Heimweg redet Nora über alles. Über die Matheklausur, über David, der jetzt jeden Abend auf dem Feld hinterm Hof Golfbälle schlägt, über Chiaras neuen Rock, über die Übungsfahrt mit ihrem Vater, bei der sie zweimal abgewürgt hat. Sie redet schneller, als sie denkt, und Alex lässt sie ausreden. Vor seinem Haus setzen sie sich auf die Bank. „Du hast ‚schön‘ gesagt“, sagt er, „wie andere Leute ‚Rosenkohl‘ sagen.“

Nora zieht die Ärmel über die Hände. Sie weiß genau, welcher Satz ihn hierbehalten würde. Sie müsste ihn nur leise genug sagen, ein bisschen traurig, und Alex, der immer für andere da sein will, würde das Blatt in seine Schreibtischschublade legen und nie wieder herausholen. Sie weiß das, und es macht ihr Angst, wie leicht es wäre.

„Ich will nicht, dass du gehst“, sagt sie stattdessen. „Das ist die Wahrheit. Aber sie ist nur eine Hälfte.“ Sie holt Luft. „Die andere Hälfte ist, dass ich nach dem Abschluss ein Jahr weg will. Allein. Irgendwohin, wo mich keiner kennt. Ich spare dafür, jeden Samstag in der Bäckerei, seit einem Jahr. Das weiß nicht mal Chiara.“

Alex sagt lange nichts. Nora zählt die Fenster im Erdgeschoss, um nicht auf sein Gesicht zu sehen. Dann fragt er: „Wohin?“ „Weiß ich noch nicht. Weit genug.“ Sie wartet darauf, dass er anfängt zu planen, dass er sein Handy herausholt und Verbindungen sucht, wie er es sonst tut, wenn jemand ein Problem hat. Er lässt das Handy in der Tasche. „Willst du, dass ich mitüberlege?“, fragt er. „Oder ist das erst mal deins?“

Es ist vielleicht das Schönste, was er je zu ihr gesagt hat, und es ist eine Frage. „Erst mal meins“, sagt Nora. Er nickt. „Dann bewirbst du dich“, sagt sie. „Ich weiß noch nicht“, sagt Alex. „Es gibt auch hier was. Und Papa hofft immer noch, dass ich irgendwann in die Werkstatt komme, auch wenn er es nie sagt.“ Er reibt den Daumen über das Uhrglas. „Und dann bist da du.“

„Bewirb dich nicht wegen mir nicht“, sagt Nora. „Und auch nicht wegen mir doch.“ Er sieht sie an, und dann lacht er, sein langsames Lachen, das immer erst eine Minute später kommt. „Das musst du mir aufschreiben.“ „Ich schreibe nichts auf. Das weißt du.“

Die Tür im Erdgeschoss geht auf, und Opa Emil kommt heraus, in Pantoffeln, mit einer Tüte für den Müll. Er sieht die beiden auf der Bank, grüßt mit einem angedeuteten Griff an eine Mütze, die er gar nicht trägt, „Junge Dame“, und sagt im Vorbeigehen, zu niemandem Bestimmten: „Jeder Zug fährt auf seinem eigenen Gleis.“ Dann geht er wieder hinein, und kurz darauf wird drinnen sein Radio ein bisschen lauter.

„Hat er gelauscht?“, fragt Nora. „Er war über vierzig Jahre Lokführer“, sagt Alex. „Er hört alles, was auf Schienen passiert.“ Sie lehnt den Kopf an seine Schulter. Keiner von beiden sagt „Wir schaffen das“. Es wäre ein schöner Satz gewesen. Er wäre nur noch nicht wahr gewesen, und beide wissen das, und das ist auf eine seltsame Art leichter, als wenn einer ihn gesagt hätte.

Als Nora über die Straße nach Hause geht, liegt das Blatt noch auf der Bank. Sie geht zurück, faltet es ordentlich und steckt es Alex in die Brusttasche seiner Jacke, zu dem Kugelschreiber, der da immer steckt. Er sieht ihr dabei zu und sagt nichts. Bis Ende November ist noch Zeit. Für ihn und für sie.

Was würdest du als Nächstes tun?

Nora will Alex nicht festhalten und hat selbst einen Plan, der sie weit wegführen könnte. Wie plant man gemeinsam, ohne den eigenen Weg aufzugeben, und ohne den anderen um seinen zu bitten?

Zwei Blickwinkel

Nora

Sie hat Angst, ihn zu verlieren, und weiß zugleich, dass sie selbst weg will. Den einen Satz, der ihn hielte, will sie nicht sagen, gerade weil er wirken würde.

Alex

Er möchte etwas Eigenes bauen und spürt, wie viele Menschen an ihm ziehen, sein Vater, seine Mutter, Nora. Diesmal fragt er, bevor er für sie mitplant.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.