Liv oder Leo?
Mila hat Liv fest zugesagt, und Leo fragt sie für genau diesen Tag, zum ersten Mal ohne die anderen. Sie überlegt ernsthaft, ihrer besten Freundin abzusagen, und muss entscheiden, wem sie was zumutet.

Der Flohmarkt stand seit sechs Wochen fest. Samstag, zehn bis vier, ein Tisch auf dem Platz vor der alten Markthalle. Liv wollte die zwei Fahrräder verkaufen, die sie im Sommer hergerichtet hatte, und Mila zum ersten Mal Postkarten mit ihren eigenen Fotos: Moos, Nebel über dem See, die Schnecke auf dem nassen Fahrradsattel. Sie hatten dreißig Stück an Livs Küchentisch zugeschnitten, und Liv hatte auf ein Stück Pappe geschrieben: FOTOS VON MILA. ECHT. Mila hatte „ECHT“ durchstreichen wollen. Liv hatte es nicht zugelassen.
Am Donnerstag stand Leo in der Pause an Milas Schließfach, die Hände in den Jackentaschen, etwas zu laut, wie immer, wenn er nervös war. „Im Museum ist doch diese Ausstellung. Häuser, gezeichnet und fotografiert, nebeneinander. Am Samstag macht die Fotografin selbst eine Führung, nur dieses eine Mal. Um zwei. Kommst du mit?“ Er hatte „du“ gesagt, nicht „ihr“. Mila hörte es genau.
„Samstag“, sagte sie, und ihr Magen rutschte irgendwohin. „Ich sag dir heute Abend Bescheid.“ Leo nickte zu schnell, trommelte einmal gegen das Schließfach und war weg.
Am Abend saß sie mit dem Schuhkarton voller Postkarten auf dem Bett und dachte, was sie immer dachte, wenn zwei gute Dinge zusammenstießen: das Falsche, und das sehr gründlich. Liv konnte den Stand auch allein machen. Liv konnte mit allen reden, sie würde ohne Mila wahrscheinlich sogar mehr Karten verkaufen. Liv würde „Geh!“ sagen, ganz sicher. Mila tippte: „Wäre es sehr schlimm, wenn ich Samstag ab eins …“ Dann hörte sie auf. Sie dachte an das Pappschild. An sechs Wochen. An Liv, die einmal gesagt hatte: „Du musst nicht mitkommen. Ich frag nur, weil es mit dir schöner wäre.“ Sie löschte den Satz, Buchstabe für Buchstabe.
Stattdessen schrieb sie Leo, einen ganzen Absatz, weil sie ihm immer ganze Absätze schrieb. „Samstag kann ich nicht. Ich hab Liv vor Wochen den Flohmarkt versprochen, und es sind meine ersten Postkarten. Ich wäre sehr gern mitgekommen. Geht der Samstag danach? Oder Sonntag?“ Nach vier Minuten kam: „Die Führung gibt's nur Samstag. Schade.“ Dann nichts. Mila sah lange auf das Wort. Dann kam ein Foto: eine Seite aus seinem Skizzenbuch, ein gezeichneter Wochenkalender, der Samstag danach dick eingekreist. Darunter: „Dann ohne Führung. Ich erklär dir die Häuser, du mir das Licht.“
Der Samstag war kalt und hell. Liv verkaufte das erste Rad nach zwanzig Minuten an einen Mann, der handeln wollte und es nicht konnte, weil Liv genau wusste, was jedes Teil gekostet hatte. Mila verkaufte vier Postkarten, die Schnecke zuerst, an eine alte Dame, die sagte, so einen Sattel habe sie auch. Kurz vor zwei sah Mila auf die Uhr am Kirchturm. Liv merkte es. Liv merkte alles.
„Du schaust seit zehn Minuten auf die Uhr“, sagte sie. „Was ist um zwei?“ Mila hätte „nichts“ sagen können. Stattdessen sagte sie: „Leo hat mich für heute gefragt. Museum, eine Führung. Ich hab Nein gesagt.“ Liv hörte auf zu gestikulieren und legte beide Hände flach auf den Tisch, zwischen die Postkarten. „Wann?“ „Donnerstag.“ „Und du sagst es mir jetzt.“ „Ich hab überlegt, dir abzusagen“, sagte Mila. „Hier, das alles. Ich hatte den Satz schon getippt. Ich hab ihn wieder gelöscht, aber getippt hab ich ihn.“ Das zu sagen war schwerer als das Nein zu Leo.
Liv war still, und bei Liv war Stille laut. Ein Mann fragte nach dem zweiten Rad, und Liv sagte freundlich „einen Moment, bitte“, und er wartete. Dann sagte sie: „Ich hab gemerkt, dass er dir wichtig wird. Ich hab Augen.“ „Er wird mir wichtig“, sagte Mila. Es war das erste Mal, dass sie es laut sagte, und sie sagte es Liv, nicht Leo, und das fühlte sich richtig an. „Ich freu mich“, sagte Liv. „Ehrlich. Und …“ Sie zog an einer Locke und ließ sie zurückspringen. „Und ich hab ein bisschen Angst, dass ich irgendwann die bin, mit der du was machst, wenn er keine Zeit hat.“
„Du bist keine Lücke“, sagte Mila. „Weiß ich. Meistens.“ Liv lachte kurz, etwas zu laut, dann leiser: „Danke, dass du's mir gesagt hast. Das mit dem getippten Satz. Hättest du nicht müssen.“ „Doch“, sagte Mila. „Sonst wär's ja doch ein bisschen gelogen gewesen.“
Um drei verkaufte Liv das zweite Rad, zu dem Preis, den sie verlangt hatte. Mila verkaufte elf Postkarten, und die letzte Schnecke ging an einen Jungen, der sie seiner Schwester schenken wollte. Um vier packten sie zusammen und nahmen den langen Weg nach Hause, am See entlang, wie immer. Mila hatte Zimtschnecken mitgebracht, zwei waren übrig. Liv hakte sich fester bei ihr unter als sonst und ließ erst an der Brücke los.
Am Abend kam eine Nachricht von Leo: eine Zeichnung aus dem Museum, eine Hausfassade, daneben: „War allein da. Die Fotografin sagt, sie wartet oft eine Stunde auf das richtige Licht. Kam mir bekannt vor.“ Mila lachte. Dann schrieb sie Liv: „Samstag geh ich mit Leo ins Museum. Sonntag frühstücken wir?“ Die Antwort kam sofort, in Großbuchstaben, mit genau einem Ausrufezeichen: „SONNTAG GEHÖRT UNS!“ Ob der Samstag mit Leo eine Verabredung war oder einfach ein Museum, wusste Mila nicht. Sie musste es heute auch nicht wissen.
Mila hat Liv nicht abgesagt und es ihr trotzdem erzählt, auch den Teil, auf den sie nicht stolz ist. Kann man einem neuen Menschen Raum geben, ohne alte Freundschaften zu vernachlässigen?
Zwei Blickwinkel
Leo wird ihr wichtig, und genau deshalb wollte sie ihn nicht auf Livs Kosten wählen. Am schwersten war nicht das Nein zu Leo, sondern die Wahrheit für Liv.
Sie freut sich für Mila, wirklich. Und sie hat Angst, irgendwann nur noch die Lücke zu füllen, und hat beschlossen, das lieber zu sagen, als es runterzuschlucken.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.