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Liebe & Eigenständigkeit · 4 Minuten Lesezeit

Du hättest mich fragen können

Alex sagt für Nora zu, ohne sie zu fragen, und ausgerechnet an dem Sonntag, den sie zum Lernen braucht. Für ihn war es selbstverständlich, dass sie mitkommt. Für Nora fühlt es sich an, als würde jemand über ihre Zeit verfügen.

Nora redet mit beiden Händen, Alex hört mit verschränkten Armen zu

Samstags fing die Schicht in der Bäckerei um sieben an, und um halb acht kam ein Freund von Alex aus der Feuerwehr. Nora kannte ihn so, wie man die Freunde des eigenen Freundes kennt: vom Grillen nach der Feuerwehrübung, aus Alex' Erzählungen, als Lachen im Hintergrund, wenn Alex telefonierte. Er bestellte sechs Brötchen und ein Laugenhörnchen, zählte das Geld passend ab und sagte: „Freu mich auf morgen. Alex sagt, du sitzt vorne im Kanu. Dann muss ich wenigstens nicht steuern.“

Nora hielt die Tüte einen Moment zu lang fest. „Morgen?“ „Die Tour. Zehn Uhr am Bootssteg, wir paddeln bis zur alten Mühle und grillen da.“ Er sah ihr Gesicht und lachte unsicher. „Er hat doch gesagt, ihr seid dabei. Am Donnerstag nach der Übung. Er war richtig begeistert.“ „Ja“, sagte Nora. „Klingt nach ihm.“ Sie gab ihm die Tüte und das Wechselgeld und lächelte so, wie man an einer Theke lächelt, wenn hinter einem noch vier Leute warten.

Am Montag schrieb sie Mathe. Die erste Klausur in der Oberstufe, Analysis, und Nora wollte sie nicht nur bestehen, sie wollte sie gut schreiben. Den Sonntag hatte sie sich seit zwei Wochen freigehalten. Sie hatte es Alex erzählt, mindestens zweimal, einmal auf der Treppe vor seinem Haus und einmal im Auto, als er sie bei Regen zur Schule fuhr. Er hatte genickt. Er nickte immer, wenn er zuhörte. Nora fragte sich jetzt, ob er auch zugehört hatte.

Zwischen zwei Kunden schrieb sie ihm nicht. Eine Nachricht von ihr hätte jetzt nur aus Großbuchstaben bestanden. Stattdessen rechnete sie im Kopf, wie viele Aufgaben sie heute Abend schaffen würde, wenn sie um zwei aus der Bäckerei kam, und wie viele am Sonntag fehlen würden, wenn sie ab zehn in einem Kanu saß. Das Ergebnis gefiel ihr nicht. Noch weniger gefiel ihr, dass ein Teil von ihr schon ausrechnete, wie sie es trotzdem hinbekommen könnte. Früh aufstehen. Nachts lernen. Ja sagen und hinterher müde sein. Diesen Teil von sich kannte sie sehr gut.

Alex kam um zwei, wie fast jeden Samstag nach der Fahrradwerkstatt, und lehnte sich an die Theke, als die letzte Kundin gegangen war. Werkstattöl unter einem Fingernagel, die Uhr seines Großvaters am rechten Handgelenk. „Dein Freund von der Feuerwehr war heute Morgen hier“, sagte Nora. „Er freut sich auf morgen.“ „Ich auch“, sagte Alex. „Das Wetter soll halten.“ „Alex. Ich schreibe am Montag Mathe.“ Er sah sie an, und sie sah, wie der Satz bei ihm ankam, langsam, wie alles bei ihm. „Du kannst doch heute Abend lernen. Und um vier sind wir zurück.“

„Das sagst du jetzt.“ Es kam schärfer heraus, als sie wollte. „Du hast nicht gesagt: Ich frag Nora. Du hast gesagt: Wir sind dabei. Als wäre mein Sonntag ein Stück von deinem.“ Sie wischte über die Theke, die längst sauber war. „Erst Herr Weber, jetzt das. Du entscheidest Sachen für mich und wunderst dich, dass ich sauer bin.“

Alex sagte erst nichts. Er rieb mit dem Daumen über das Uhrglas, das tat er, wenn er nachdachte und nicht wusste, wohin mit den Händen. „Ich hab nicht darüber nachgedacht“, sagte er schließlich. „Ich hab gedacht, klar kommst du mit. Wir machen doch alles zusammen.“ „Eben nicht“, sagte Nora. „Wir machen viel zusammen. Das ist was anderes. Dass ich deine Freundin bin, heißt nicht, dass du mich mitbuchst wie den zweiten Platz im Kanu.“

Sie hörte selbst, wie hart das klang, und blieb trotzdem dabei. Er hatte es nicht böse gemeint, das wusste sie. Er hatte sich gefreut und sie einfach mit in diese Freude hineingenommen, so selbstverständlich, wie er ihr die Tür aufhielt. Aber eine Tür konnte sie auch selbst aufmachen. Und über ihren Sonntag wollte sie selbst entscheiden, auch wenn die Antwort am Ende vielleicht Ja gewesen wäre. Gerade dann.

„Okay“, sagte Alex. „Und jetzt?“ Das war eigentlich ihr Satz, und für einen Moment hätte sie fast gelacht. „Jetzt sage ich Nein“, sagte sie. „Zum Kanu. Nicht zu dir.“ Es fühlte sich an wie eine Übung, bei der man noch auf die eigenen Füße schaut. Nein sagen ist auch eine Antwort, dachte sie. Sie übte noch.

Alex nickte, holte sein Handy heraus und tippte, ohne sich wegzudrehen, sodass sie mitlesen konnte: „Nora kann morgen nicht, sie schreibt Montag Mathe. Mein Fehler, ich hätte sie vorher fragen müssen. Ich komme allein.“ Er schickte es in die Gruppe, bevor sie etwas sagen konnte. „Du hättest nicht schreiben müssen, dass es dein Fehler war“, sagte sie. „Doch“, sagte er. „Sonst denken die, du hast abgesagt.“

Am Sonntag lernte Nora von neun bis sechs, mit zwei Pausen und einer Runde um den Hof, als ihr die Ableitungen vor den Augen verschwammen. Um halb sieben stand Alex unten an der Haustür, die Locken noch nass. „Der Fluss war kalt“, sagte er und hielt ihr eine Tüte hin. Darin lagen zwei Würstchen vom Grill an der Mühle, in Alufolie gewickelt und nur noch lauwarm. Nora musste lachen, laut und zuerst über sich selbst, weil sie den ganzen Tag gedacht hatte, er würde vielleicht beleidigt sein.

Er blieb in der Tür stehen, statt hereinzukommen. „In drei Wochen machen sie die Tour noch mal“, sagte er. „Willst du mit?“ Nora sah ihn an. Ihr Mund hatte das Ja schon fast geformt, das schnelle, warme, das sie zu allen sagte. Sie hielt es fest. „Frag mich am Mittwoch“, sagte sie. „Nach der Klausur.“ Alex nickte, als hätte sie ihm gerade etwas Wichtiges erklärt. Vielleicht hatte sie das.

Was würdest du als Nächstes tun?

Alex hat es gut gemeint und sich einfach gefreut. Wo endet in einer Beziehung das Selbstverständliche, und wo fängt es an, dass einer über den anderen bestimmt?

Zwei Blickwinkel

Nora

Sie wäre vielleicht sogar mitgekommen. Aber sie will gefragt werden, auch von dem Menschen, der sie am besten kennt, und gerade von ihm.

Alex

Für ihn war „wir“ das schönste Wort an diesem Donnerstag. Erst an der Bäckereitheke merkt er, dass er es allein ausgesprochen hat.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.