Das können wir uns leisten
Victoria will das Sofa sofort, vom gemeinsamen Haushaltskonto. Sam will zuerst eine Rücklage für Notfälle und sagt Nein. Sie fühlt sich ausgebremst, er fühlt sich mit seiner Sorge nicht ernst genommen.

Das Sofa stand im Schaufenster des Möbelgeschäfts, an dem Victoria jeden Morgen auf dem Weg zum Bus vorbeiging. Salbeigrüner Samt, drei Sitze, tiefe Kissen, geschwungene Holzfüße. Am Mittwoch hing ein Schild daran: „Statt 1.290 nur 790 Euro. Nur bis Samstag.“ Victoria blieb so dicht vor der Scheibe stehen, dass ihr Atem das Glas beschlug. Sie machte ein Foto, dann noch eins.
Am Abend zeigte sie Sam die Bilder. Er saß auf ihrem jetzigen Sofa, dunkelgrün, gebraucht, ein Geschenk von Kathi und Jakob, die sich ein neues gekauft hatten. In der Mitte hing es durch, sodass jeder, der links saß, langsam nach rechts rutschte. „Das können wir uns leisten“, sagte Victoria. „Ich habe nachgerechnet. Es kommt vom Haushaltskonto, das ist für die Wohnung da. Und ein Sofa ist Wohnung.“ Sam sah sich das Foto lange an. „Es ist schön.“ „Also?“ „Also nein. Noch nicht.“
Er holte die Tabelle, die er jeden Monat führte. Auf dem Polster, ihrem Notgroschen, lagen 240 Euro. Die Kaution hatte er von seinem Ersparten bezahlt, Victoria zahlte ihren Teil in Raten zurück, weil sie darauf bestand. „Wenn wir das Sofa kaufen, haben wir nichts mehr für den Fall, dass etwas passiert.“ „Was soll denn passieren?“ „Die Waschmaschine. Die Nebenkosten. Mein Rad. Irgendwas passiert immer.“ „Warum nicht heute?“, fragte Victoria. „Am Samstag ist es weg. Ich will nicht ewig auf Kathis altem Sofa sitzen und so tun, als wären wir hier zu Besuch.“
„Ich sage dir, dass mir etwas Sorgen macht“, sagte Sam ruhig, „und du hörst nur Nein.“ „Und ich sage dir, was mir wichtig ist, und du hörst nur Zahlen!“ Victoria war laut geworden, viel lauter als nötig, und Sam wurde so leise, dass sie ihn fast nicht mehr verstand. „Ich höre dich, Vici. Ich kann es nur nicht so schnell.“ Sie ließ sich auf das Sofa fallen, um beleidigt zu sein, und rutschte dabei langsam, ganz langsam in die Mitte, bis sie neben ihm in der Kuhle lag. Sie versuchte, ernst zu bleiben. Nach fünf Minuten gab sie auf und lachte, mit dem Gesicht in seinem Pullover.
„Gut“, sagte sie dann. „Erklär es mir. Nicht die Tabelle. Dich.“ Sam schwieg eine Weile. Dann erzählte er von dem Winter, als er zwölf war. Ein großer Kunde der Tischlerei hatte nicht bezahlt, und Bernd saß abends mit dem Ordner am Küchentisch und rechnete. Zu Weihnachten bekamen Ole und die anderen trotzdem ihr Weihnachtsgeld, aus dem Geld, das Bernd jeden Freitag zur Seite legte. „Damals habe ich verstanden, dass das Freitagsgeld kein Geiz ist“, sagte Sam. „Es war der Grund, warum keiner Angst haben musste. Wenn unser Polster leer ist, schlafe ich schlecht. Nicht wegen des Geldes. Wegen des Gefühls.“
Victoria nahm seine Hand. „Jetzt ich.“ Sie erzählte von zu Hause, wo Giulia aus wenig Geld jeden Raum schön gemacht hatte, und von Nonna, bei der immer für jeden ein Stuhl frei war. „Ich will, dass deine Eltern und meine Eltern hier sitzen können, ohne dass einer auf einer Bücherkiste hockt. Ich will nach Hause kommen und denken: Das haben wir gemacht. Nicht: Das haben wir übernommen.“ Sam sah sie an. „Das wusste ich nicht.“ „Ich auch nicht so genau. Bis gerade.“
Sie setzten sich mit der Tabelle an den Tisch, diesmal beide. Vom Haushaltskonto gingen zuerst Miete, Strom, Essen und alles für die Wohnung ab, jeder zahlte wie bisher nach seinem Einkommen ein. Dann kam jeden Monat ein fester Betrag auf das Polster, bis dort 1.000 Euro lagen. Was jeder darüber hinaus verdiente, blieb seins, für Rudern, Tanzen, Kleider und Bücher, ohne dass der andere fragen musste. Große Anschaffungen für die Wohnung gab es erst, wenn das Polster voll war, und nur, wenn beide Ja sagten. An die Kreidetafel neben dem Kühlschrank schrieb Victoria: „Polster: 240 von 1.000“, und darunter: „Danach: Sofa.“ Sam setzte mit Bleistift ein Wort dahinter: „Versprochen.“
Am Samstag kam Victoria nach der Schicht im Limonaia an dem Schaufenster vorbei. Auf dem salbeigrünen Sofa lag ein Schild: „Verkauft.“ Sie blieb einen Moment stehen. Es tat mehr weh, als sie gedacht hätte, und weniger, als sie am Mittwoch befürchtet hatte. Dann ging sie zum Markt, nahm Geld aus ihrem Trinkgeldglas, ihrem eigenen Geld, und kaufte drei Meter Stoff in warmem Terrakotta.
Am Dienstag, dem Familienabend, saß Chiara mit Giulias alter Nähmaschine an ihrem Esstisch und nähte einen Bezug für das alte Sofa, mit zwei neuen Kissen dazu. Sam trug die Maschine danach zurück zum Bus. Als der Bezug saß, setzte er sich als Erster darauf und rutschte langsam in die Mitte. Victoria rutschte hinterher. „Die Kuhle bleibt“, sagte Sam. „Die Kuhle ist jetzt unsere“, sagte Victoria.
Ganz sicher war sich keiner von beiden, ob es richtig gewesen war. Manchmal dachte Victoria noch an den Samt im Schaufenster, und einmal fragte Sam leise, ob sie ihm böse sei. Sie war es nicht. Aber die Zahl an der Kreidetafel wuchs, im nächsten Monat auf 410, und jedes Mal, wenn Victoria daran vorbeiging, malte sie ein kleines Sofa daneben, jedes ein bisschen größer als das letzte.
Bedeutet gemeinsames Geld auch, dass man sich einig sein muss, wofür es ausgegeben wird?
Zwei Blickwinkel
Ich wollte kein Luxussofa. Ich wollte, dass sich die Wohnung endlich nach uns anfühlt und nicht nach Übergangslösung.
Ein leeres Polster fühlt sich für mich an wie ein Boot ohne Rettungsweste. Ich wollte nicht Nein sagen, ich wollte nur sicher sein.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.