Heute nicht
Sam sagt den lang geplanten Abend ab, weil er nach einem harten Tag nicht mehr kann. Victoria ist enttäuscht, und Sam fühlt sich gedrängt, seine Müdigkeit zu rechtfertigen. Beide haben einen Grund, und beide fühlen sich nicht gesehen.

Um halb sieben steht Victoria vor dem Spiegel im Flur und legt die goldenen Creolen an. Das dunkelrote Kleid, der Blazer darüber, die Lippen ein wenig dunkler als im Labor. Den Tisch hat sie vor zwei Wochen reserviert, im kleinen Restaurant am Fluss, mit Kerzen auf jedem Tisch. Zum ersten Mal seit dem Umzug wollen sie ausgehen, nur sie zwei, bezahlt aus ihrem Trinkgeldglas. Um sieben soll Sam vom Zug kommen. Um zehn nach sieben hört sie den Schlüssel.
Sam kommt herein und zieht die Jacke nicht aus. Er lehnt sich an die Tür, sein Gesicht ist grau. „Hey“, sagt er. Dann sieht er das Kleid, und Victoria sieht, dass er es vergessen hat. Nicht den Abend, der steht in seinem Kalender. Aber dass heute der Abend ist.
„Vici“, sagt er leise. „Können wir das verschieben? Heute nicht. Ich kann heute nicht.“
Victoria bleibt stehen, eine Creole noch in der Hand. „Du kannst nicht? Ich freue mich seit zwei Wochen darauf.“ Sie ist noch nicht laut. Sam hängt die Jacke über die Stuhllehne und setzt sich an den Küchentisch. „Es war ein schlechter Tag.“ „Wie schlecht?“ „Schlecht.“ Sie wartet auf mehr, aber es kommt nichts. Das ist es, was wehtut: ein einziges Wort. „Und das ist alles? Ich stehe hier im Kleid, und du sagst ‚schlecht‘?“
Sam reibt sich das Gesicht. „Muss ich dir jetzt beweisen, dass ich müde genug bin?“ Der Satz bleibt im Raum hängen. Victoria spürt, wie ihr heiß wird. „Ich will keinen Beweis! Ich will, dass du siehst, dass ich mich gefreut habe!“ Je lauter sie wird, desto ruhiger wird er. „Ich sehe es. Genau deshalb sitze ich hier und fühle mich wie ein Angeklagter.“
Victoria geht auf den Balkon, im Kleid, in die Kälte. Drüben brennt Licht im Bootshaus. Sie zählt nicht, sie atmet. Nach fünf Minuten sieht sie sich in der Balkontür: auf hohen Absätzen zwischen Nonnas Zitronenbäumchen und dem zusammengeklappten Grill, wie ein Gast, der sich auf einem Fest verlaufen hat. Sie muss lachen, erst leise, dann so laut wie immer.
Drinnen sitzt Sam noch genauso da. Sie setzt sich ihm gegenüber. „Erzähl. Nicht ‚schlecht‘. Erzähl.“ Und diesmal erzählt er. Von der Halterung für die Solarflügel, an der er seit Wochen rechnet. Vom Test auf dem Rütteltisch, bei dem sie nach zwanzig Sekunden gebrochen ist. Von dem kleinen Fehler in seiner Rechnung, den er selbst gefunden und sofort Dr. Hartmann gemeldet hat, bevor ihn jemand anderes findet. Dr. Hartmann hat nur gesagt: „Hier oben gibt es keinen Pannendienst. Morgen neu.“ „Ich habe den ganzen Tag gerechnet“, sagt Sam. „Ich will heute keinen Tisch und keinen Kellner, der fragt, ob alles recht ist. Ich will nicht mal viel reden. Nur hier sein.“
Victoria nimmt ihr Handy und ruft im Restaurant an. Sie verschiebt den Tisch auf Samstag, nach ihrer Schicht. Sam sieht ihr dabei zu. „Danke“, sagt er. Und nach einer Weile: „Es tut mir leid. Nicht, dass ich müde bin, dafür kann ich nichts. Aber dass du dich gefreut hast und ich zur Tür hereinkomme und absage, als wäre es ein Termin beim Zahnarzt.“ Victoria nickt langsam. „Das wollte ich hören. Mehr nicht.“
Sie zieht sich nicht um. „Ich habe mich nicht umsonst schön gemacht“, sagt sie und kocht Nudeln mit Knoblauch und Öl, so wie Nonna sie macht, wenn keiner mehr Kraft hat. Sam deckt den Tisch und holt die Kerze aus dem Schrank, die eigentlich für Weihnachten gedacht war. Sie essen, ohne Musik, und reden wenig. Einmal sieht er sie über die Kerze hinweg an und sagt: „Du siehst aus wie ein Fest.“ „Ich bin ein Fest“, sagt Victoria. „Heute eben ein kleines.“
Später sitzen sie auf dem Sofa, die Handys in der Schale an der Tür. Sam liest, Victoria hat die Füße auf seinen Knien. Irgendwann liest er ihr zwei Zeilen aus einem Gedichtband vor, über ein Boot, das nachts im Hafen liegt und trotzdem das Meer hört. Victoria versteht nicht ganz, was er damit meint, und versteht es trotzdem. Sie lehnt ihre Stirn an seine, und für eine Weile sagt keiner etwas.
Am Samstag gehen sie ins Restaurant am Fluss. Als Victoria von der Garderobe zurückkommt, steht Sam auf, bis sie sitzt, wie er es immer tut. Auf dem Heimweg, seine Hand mit ihrer in seiner Jackentasche, fragt sie sich, wie oft sie so etwas verschieben würde, bevor es ihr zu viel wäre. Einmal war in Ordnung. Zweimal vielleicht auch. Sie sagt es ihm gleich, damit sie es nicht vergisst. „Dann sag es mir“, antwortet Sam. „Rechtzeitig. Bevor es ein Gedicht braucht.“
Wie zeigt man Rücksicht, ohne die eigenen Wünsche immer zurückzustellen?
Zwei Blickwinkel
Ich wollte ihn nicht zwingen. Ich wollte nur, dass es ihm auch leidtut, dass unser Abend ausfällt.
Ich hatte keine Kraft mehr für einen Abend unter Leuten. Dass eine Absage trotzdem enttäuscht, habe ich in ihrem Gesicht gesehen.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.