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Freundschaft & Liebe · 5 Minuten Lesezeit

Gelesen. Nicht geantwortet.

Leo hat Milas Nachricht gelesen und erst am nächsten Tag geantwortet, kurz und knapp. Mila deutet das als Desinteresse und lässt ihn beim nächsten Treffen auflaufen, ohne zu sagen, was los ist.

Mila schaut still und enttäuscht zur Seite

Am Donnerstag nach der sechsten Stunde blieb Mila auf der Treppe im Altbau stehen. Durch ein Fenster, das sie von unten nicht sehen konnte, fiel Licht auf die weiße Wand am Treppenabsatz, ein schmaler, schräger Streifen, als hätte ihn jemand mit Kreide gezogen. Sie fotografierte ihn viermal, bis die Kante scharf war.

Zu Hause saß sie lange mit dem Handy auf dem Bett. Seit dem Kinoabend schrieben Leo und sie sich, nicht oft, aber immer in ganzen Sätzen. Den ersten Satz hatte bisher jedes Mal er geschrieben. Diesmal tippte sie selbst: „Wo kommt hier das Licht her? Ich komm nicht drauf.“ Dazu das Foto. Sie drückte auf Senden, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Zwei Minuten später stand darunter: Gelesen, 18:49 Uhr.

Dann kam nichts. Mila fütterte Honey, ihre Hündin, half beim Abendessen, räumte ihre Fototasche aus und wieder ein. Um neun stand da immer noch dasselbe Wort. Sie schlug ihr Journal auf und schrieb, was sie wusste: Er hat es gesehen. Er hat nichts geschrieben. Darunter hätte die Liste mit dem stehen können, was sie nicht wusste, und die wäre viel länger gewesen. Stattdessen dachte sie sich Gründe aus. Das Foto war langweilig. Die Frage war kindisch. Das Kino war eben doch nur ein Mannschaftsding gewesen.

Liv schrieb: „UND?“ Mila antwortete: „Gelesen. Und nichts.“ „Vielleicht hat er Training.“ „Gelesen heißt: gesehen und entschieden, dass es nicht wichtig ist.“ Eine Weile kam nichts, dann: „Gelesen heißt gelesen.“ Darauf antwortete Mila auch nicht.

Am Freitag um sieben Uhr vierzehn leuchtete das Handy auf. „Sorry, gestern war viel. Sieht aus wie Lichtschacht. Bis dann.“ Drei kurze Sätze, so wie er der Mannschaft schrieb, nicht ihr. Mila las es im Bus und fühlte sich schlechter als am Abend ohne Antwort. Sie schrieb „Okay.“ und sonst nichts. In der Pause hob Leo am Basketballkorb die Hand, und Mila suchte etwas in ihrer Tasche, das sie nicht brauchte.

Am Samstag saß sie mit Liv an ihrem Stammplatz im Café Limonaia, Honey lag unter dem Tisch. Draußen stand Leo auf der Leiter und malte Herbstblätter auf das Schaufenster, rot und ocker, mit schnellen, sicheren Strichen. Als er Mila sah, grinste er und malte von außen ein Blatt um ihren Kopf herum, wie einen Rahmen. Mila nickte kurz und sah in ihren Chai. Liv zog beide Augenbrauen hoch. „Was war das denn? Du nickst wie eine Lehrerin bei der Zeugniskonferenz.“

Später kam Leo herein, Farbe an den Fingern, und bat Victoria um ein Glas Wasser. An ihrem Tisch blieb er stehen. Honey wedelte. „Hey“, sagte Leo. „Hey.“ „Hab ich was falsch gemacht?“ Er fragte es geradeheraus, so wie er alles fragte. „Nein“, sagte Mila. „Alles okay.“ Er sah sie eine Sekunde zu lang an, sagte „Okay“ und ging wieder hinaus. Durch das Glas sah Mila, wie er ein Blatt in einem einzigen, viel zu schnellen Strich malte und es gleich wieder wegwischte.

Liv stellte ihre Tasse ab und legte beide Hände flach auf den Tisch, wie immer, wenn ihr etwas wichtig war. „Ist es okay, oder ist es dir egal?“ „Er hat es gelesen. Donnerstag. Und dann nichts, und dann drei Wörter.“ „Hast du ihn gefragt, warum?“ „Man fragt doch nicht, warum jemand nicht antwortet.“ „Doch“, sagte Liv. „Genau das fragt man.“

Draußen roch es nach Farbe und nassem Laub. Mila stellte sich unten an die Leiter. „Ich hab dir Donnerstag geschrieben.“ „Ich weiß. Das Treppenhaus.“ „Du hast es gelesen.“ „Ja.“ Leo stieg zwei Sprossen herunter und blieb dann stehen, als bräuchte er die Höhe. „Ich hab's im Bus gelesen, auf dem Weg zum Training. Ich wollte nicht mit einem Daumen antworten. Ich wollte richtig antworten. Später.“ Er rieb sich Farbe vom Daumen. „Als ich heimkam, saß Elias in seinem Zimmer auf dem Boden. Mit seinen alten Basketballschuhen. Die stehen sonst ganz hinten im Schrank. Ich hab sie seit zwei Jahren nicht gesehen. Wir haben bis nach elf da gesessen. Mein Handy war in der Jacke. Im Flur.“

„Was war mit ihm?“, fragte Mila. „Erzähl ich dir irgendwann. Nicht heute, okay? Das ist eher seins.“ Mila nickte, und diesmal war es ein richtiges Nicken. „Und heute früh?“ „Hab ich im Bus geschrieben, mit halbem Kopf. Danach hab ich's gelesen und gedacht, das klingt wie an die Mannschaft.“ „Es klang wie an die Mannschaft.“ Leo lachte, eine Sekunde zu spät, wie immer.

„Ich hab aus einem Wort einen ganzen Abend gemacht“, sagte Mila. „Aus welchem?“ „Gelesen.“ Sie sah auf die Blätter im Fenster. „Ich wusste nur, dass du es gesehen hast. Alles andere hab ich mir dazugedacht. Und nichts davon war nett. Zu dir nicht und zu mir auch nicht.“ „Was hast du gedacht?“ „Dass die Frage langweilig war.“ Leo schüttelte den Kopf, als hätte sie behauptet, ein Haus könne ohne Fundament stehen.

Er zog sein Skizzenbuch aus dem Rucksack, der unter der Leiter lag, und zeichnete mit wenigen Linien eine Treppe, einen Absatz, darüber eine Kante. „Es kommt nicht von da, wo du hinschaust. Hinter der Kante ist ein Oberlicht, das sieht man nur von oben. Das Licht trifft erst die andere Wand und kommt dann zu deiner.“ Mila sah lange auf die Zeichnung. „Also über einen Umweg.“ „Die schönsten kommen immer über einen Umweg“, sagte Leo, und dann wurden seine Ohren rot, weil es nach mehr klang als nach Licht.

Mila ging wieder hinein. Liv fragte nichts und schob ihr die zweite Hälfte ihres Zitronenkuchens hinüber. Draußen malte Leo in die untere Ecke der Scheibe, klein, zwischen die Blätter, eine Treppe mit einem hellen Streifen. Am Abend schrieb Mila ihm: „Danke für den Umweg.“ Darunter erschien: Gelesen. Sie legte das Handy weg und sah erst am nächsten Morgen wieder nach.

Was würdest du als Nächstes tun?

Mila wusste nur, dass Leo ihre Nachricht gesehen hatte. Alles andere hat sie sich selbst erzählt. Wie viel Bedeutung geben wir Dingen, die wir eigentlich nicht wissen?

Zwei Blickwinkel

Mila

Sie hatte sich zum ersten Mal getraut, zuerst zu schreiben. Ein einziges Wort darunter hat gereicht, um ihr den Mut wieder abzukaufen.

Leo

Er wollte ihr nicht irgendwie antworten, sondern richtig. Dass „später“ für Mila wie „gar nicht“ aussieht, hat er nicht bedacht.

Hier hört die Geschichte nicht auf.

Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.