Der Samstag gehört uns
Alex nimmt kurzfristig Zusatzstunden in der Fahrradwerkstatt an und sagt zu, ohne Nora zu fragen, obwohl der Samstag seit Wochen ihr gemeinsamer Tag ist. Ihm sind Job und eigenes Geld wichtig. Nora hat für diesen Tag etwas getan, was ihr schwerfällt.

Am Freitagabend stand Nora in der Küche und schnitt Zwiebeln für den Nudelsalat, den sie morgen mitnehmen wollten, als Alex an die Hintertür klopfte. Er kam herein, ohne die Jacke auszuziehen, und das war das erste Zeichen. Das zweite war, dass er nicht nach dem Salat griff. Alex griff immer nach dem, was gerade auf dem Brett lag.
„Ich muss dir was sagen“, sagte er. „Mein Chef hat angerufen. Einer von den anderen liegt mit Grippe im Bett, und jetzt sind die Lichtwochen, alle wollen vor dem Winter neue Lampen und Bremsen. Er hat gefragt, ob ich morgen den ganzen Tag kann. Neun bis sechs.“ Er sah auf das Messer in ihrer Hand und dann wieder auf sie. „Ich habe Ja gesagt.“
Nora legte das Messer hin. Sehr ordentlich, parallel zum Brett. „Du hast schon Ja gesagt.“ „Am Telefon. Er stand quasi neben mir.“ „Wir fahren morgen an den See, Alex. Seit drei Wochen. Ich habe den Salat geplant und die Strecke und die Stelle, wo man nachmittags noch Sonne hat.“ Sie hörte, dass ihre Stimme schneller wurde, wie immer, wenn etwas wehtat. „Und ich habe in der Bäckerei gesagt, dass ich an diesem Samstag nicht kann. Ich. Weißt du, wie oft ich das schon gesagt habe? Einmal. Für morgen.“
Das hatte er nicht gewusst. Sie sah es an der Art, wie er still wurde. Sie hatte es ihm nicht erzählt, weil es ihr peinlich gewesen war, wie lange sie vor der Chefin herumgedruckst hatte, bis der Satz endlich draußen war. Nein sagen ist auch eine Antwort. Für diesen Samstag hatte sie geübt. Und er hatte ihn mit einem einzigen schnellen Ja weggegeben, so, wie sie es sonst tat.
„Es geht ums Geld“, sagte Alex nach einer Weile. Er setzte sich auf die Bank am Küchentisch, die Hände zwischen den Knien. „Im Januar kommt die Versicherung fürs Auto. Benzin zahle ich auch selbst. Wenn ich das nicht kann, steht das Auto, und dann war alles umsonst.“ Er rieb den Daumen über das Uhrglas. „Und er ruft mich seit zwei Jahren an, wenn es eng wird. Wenn ich einmal Nein sage, ruft er beim nächsten Mal einen anderen an.“
„Und mich rufst du einfach nicht an“, sagte Nora. „Weil ich ja sowieso da bin.“ Es war gemein, und es war wahr, und sie nahm es nicht zurück. Alex sah auf die Zwiebeln. Lange. Draußen fuhr ein Traktor vom Nachbarfeld vorbei, und in der Stube lachte David über irgendetwas im Fernsehen. „Ja“, sagte Alex schließlich. „So war es wohl.“
Sie hatte mit allem gerechnet, mit einer Erklärung, mit „Das ist doch nur ein Samstag“. Nicht damit, dass er ihr einfach recht gab. Er stand auf und ging in den Hof hinaus, ohne ein Wort, und Nora dachte für einen Moment, er ginge nach Hause. Durch das Fenster sah sie ihn neben dem Hoftor stehen, das Handy am Ohr, die andere Hand in der Jackentasche. Er redete wenig und hörte lange zu.
Als er zurückkam, blieb er in der Tür stehen. „Ich habe ihn noch mal angerufen“, sagte er. „Ich habe ihm gesagt, dass ich morgen bis eins komme wie immer und nicht länger. Dafür arbeite ich Montag und Dienstag nach der Schule bis Ladenschluss. Er war nicht begeistert. Aber er hat Ja gesagt.“ Er holte Luft. „Ganz absagen konnte ich nicht. Ich hatte es ihm versprochen. Ich wollte nicht, dass einer von euch beiden der ist, den ich hängen lasse.“
„Bis eins“, sagte Nora. „Um zehn nach eins stehe ich mit dem Auto vor eurem Hoftor“, sagte Alex. „Dann sind wir um zwei am See. Die Sonnenstelle hast du gesagt, die hat man nachmittags. Und in zwei Wochen ist der nächste Samstag, an dem du freihast. Ich habe ihm gesagt, dass er mich an dem Tag gar nicht anrufen muss. Nicht mal für eine Stunde.“
Nora nahm das Messer wieder auf und schnitt weiter, weil sie sonst etwas zu schnell gesagt hätte. Ein Teil von ihr wollte „Schon gut“ sagen, das leichte, freundliche „Schon gut“, das sie allen gab. Sie sagte es nicht. „Ich wollte den ganzen Tag“, sagte sie stattdessen. „Ich weiß“, sagte Alex. „Es ist nicht okay“, sagte Nora. „Aber ich verstehe es.“ Er nickte. Dann griff er endlich nach einem Stück Gurke vom Brett, und sie schlug ihm nicht auf die Finger.
Am Samstag packte sie den Salat trotzdem schon um zwölf in die Tasche. Um fünf nach eins sah sie aus dem Küchenfenster, eigentlich nur so. Das alte Auto stand bereits vor dem Hoftor. Alex lehnte daran, die Hände in den Jackentaschen, und sah auf seine Uhr. Fünf Minuten zu früh. Pünktlich ist fünf Minuten vorher, sagte sein Großvater immer. Nora blieb noch einen Moment am Fenster stehen und sah ihm beim Warten zu.
Alex hat zwei Versprechen gegeben, die sich nicht vertragen, und versucht, keins ganz zu brechen. Was bedeutet Verlässlichkeit, wenn das Leben dazwischenkommt, und wer muss gefragt werden, bevor man Ja sagt?
Zwei Blickwinkel
Sie hat für diesen Samstag zum ersten Mal Nein gesagt. Dass Alex ihn mit einem schnellen Ja verschenkt, trifft sie genau an der Stelle, an der sie selbst am meisten übt.
Für ihn ist der Job mehr als Geld: Er ist der, den man anruft, wenn es eng wird. Erst in Noras Küche merkt er, dass er sie nicht angerufen hat.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.