Das geht dich nichts an
Etwas in seiner Familie beschäftigt Alex, aber er will nicht darüber sprechen. Nora fragt immer wieder nach, weil sie sich sorgt und nicht weiß, ob es um sie geht. Beim dritten Mal wird Alex ungewohnt deutlich.

Nora übte gerade den Wechsel von G nach C, zum zwanzigsten Mal, die Gitarre seines Großvaters auf dem Knie, als Alex' Handy auf der Treppenstufe vibrierte. Er las die Nachricht, und sein Gesicht wurde ganz ruhig, so ruhig, wie es nur wurde, wenn etwas nicht in Ordnung war. „Ich muss los“, sagte er, stand auf und hatte den Autoschlüssel schon in der Hand. „Was ist passiert?“ „Später.“ Dann fuhr er weg, und Nora saß mit der Gitarre allein auf der Treppe der Kellers.
Am Abend schrieb sie: „Alles okay?“ Die Antwort kam nach einer Stunde: „Ja.“ Ein Wort, ohne alles. Gegen elf sah sie aus ihrem Fenster, dass in seinem Zimmer gegenüber noch Licht brannte. Er stand vor dem Aquarium, die Ärmel hochgekrempelt, und machte das Becken sauber. Das tat er, wenn er wütend war oder wenn ihn etwas so beschäftigte, dass seine Hände etwas zu tun brauchten. Nora kannte das seit Jahren.
In der großen Pause am nächsten Tag fing sie ihn vor dem Physikraum ab. „Du siehst aus, als hättest du nicht geschlafen.“ „Hab ich auch nicht.“ „Willst du reden?“ „Nicht jetzt, Nora.“ Er sagte es freundlich. Er sagte es auch so, dass sie wusste, dass das Gespräch zu Ende war. Sie ging zurück zu Chiara, die fragte, was mit ihm los sei, und Nora sagte: „Keine Ahnung“, und das war das Schlimmste daran.
Am Nachmittag ging sie trotzdem hinüber. Das Garagentor stand offen, Alex saß auf einem Hocker vor einem Fahrrad, das sie kannte: das alte, schwere Rad seines Großvaters, mit dem Opa Emil fast jeden Tag an den Gleisen entlangfuhr. Das Vorderrad war verbogen, der Lenker schief. Alex hatte die Vorderbremse ausgebaut und die Teile auf einem Lappen nebeneinandergelegt, wie Besteck. „Ist das Opas Rad?“, fragte Nora. „Was ist passiert? Ist er verletzt? Alex, sag doch was.“
Er sah nicht hoch. „Nora. Das geht dich nichts an.“ Er sagte es nicht laut. Alex wurde nie laut. Aber so deutlich hatte er noch nie mit ihr gesprochen, nicht in elf Jahren, in denen sie über die Straße gelaufen war, wann immer sie wollte. Nora stand im Garagentor, und ihre Hände wurden kalt, wie immer, wenn etwas sie traf. „Okay“, sagte sie. Mehr nicht. Dann drehte sie sich um.
Auf der Treppe vor dem Haus saß Suza und malte etwas in ein Heft. Sie sah Nora an, mit diesem Blick, den sie seit ein paar Monaten für sie hatte, ein bisschen kühl, ein bisschen zufrieden. „Er redet mit keinem“, sagte sie. „Mit dir auch nicht. Siehst du.“ Nora hätte gern etwas Schlagfertiges geantwortet. Ihr fiel nichts ein, und das passierte ihr selten.
Am Abend lief sie. Fünf Kilometer statt drei, bis ihr Kopf leiser wurde. Zu Hause lag sie im Dunkeln und sagte die drei Dinge laut, die bis morgen warten konnten. Erstens: Es geht vielleicht gar nicht um mich. Zweitens: Wenn es um Opa Emil geht, ist es schlimmer, als wenn es um mich ginge. Drittens: Ich muss nicht alles sofort wissen. Beim dritten Satz stockte sie, weil er sich nicht wie ihrer anfühlte. Sie sagte ihn trotzdem noch einmal. Dann legte sie das Handy mit dem Display nach unten auf den Boden.
Sie schrieb ihm am Freitag nicht und am Samstag auch nicht. Es war schwerer als jede Klausur. Am Sonntagabend klopfte es an die Küchentür der Sommers, und Alex stand draußen, die Hände in den Jackentaschen. „Kommst du kurz raus?“ Sie setzten sich auf die Bank neben dem Hofladen. Es roch nach Kartoffelerde und nassem Laub.
„Opa ist am Donnerstag mit dem Rad gestürzt“, sagte Alex. „An den Gleisen. Handgelenk gebrochen, jetzt hat er einen Gips. Sonst ist alles in Ordnung, sagt der Arzt.“ Er schwieg eine Weile. „Vor zwei Wochen hat er mir gesagt, die Vorderbremse schleift. Ich hab gesagt: Ich schau mir das an. Und dann hab ich es nicht gemacht. Ich hatte die Werkstatt und die Feuerwehr und dich und … ich hab es einfach nicht gemacht.“
Nora sagte nichts. Sie verstand plötzlich die Teile auf dem Lappen. „Ich musste wissen, ob es meine Schuld war“, sagte Alex. „Bevor ich das nicht wusste, konnte ich nicht darüber reden. Nicht mit Mama, nicht mit dir. Ich hätte nicht gewusst, was ich sagen soll.“ „Und?“ „Die Bremse war abgenutzt, aber sie hat funktioniert. Er ist auf nassem Laub weggerutscht. Hat er selbst gesagt, im Krankenhaus, nur hab ich es ihm nicht geglaubt, bis ich es gesehen hatte.“
„Und wenn es die Bremse gewesen wäre?“, fragte Nora. „Dann hätte ich es dir auch erzählt“, sagte Alex. „Nur später.“ Er sah sie zum ersten Mal an diesem Abend richtig an. „Das in der Garage war nicht fair. Es geht dich was an. Nur nicht sofort.“ Nora zog die Ärmel über die Hände. „Ich hab dreimal gefragt, weil ich Angst hatte, dass es um uns geht“, sagte sie. „Das war auch nicht ganz fair.“
Drüben im Erdgeschoss der Kellers ging das Licht an. Man sah Opa Emil am Fenster, den Arm in Gips, wie er mit der anderen Hand versuchte, einen Topf auf den Herd zu stellen, und Carmen, die ihm den Topf aus der Hand nahm. Morgen, dachte Nora, bringe ich ihm Kartoffeln aus dem Hofladen. Sie fragte nichts mehr. Sie saßen auf der Bank, bis es zu kalt wurde, und Alex füllte die Stille nicht. Diesmal füllte Nora sie auch nicht.
Alex wollte erst selbst verstehen, bevor er redet. Kann man jemandem vollkommen vertrauen und trotzdem Dinge eine Weile für sich behalten?
Zwei Blickwinkel
Für sie ist Schweigen schwer auszuhalten, weil sie im Schweigen sofort nach dem eigenen Fehler sucht. Diesmal musste sie warten, ohne zu wissen, worauf.
Er hatte Angst, dass er schuld ist, und wollte das allein klären, bevor er es laut sagt. Dass er Nora dabei weggestoßen hat, merkt er erst später.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.