Nicht gut genug
Leo zweifelt gleichzeitig am Basketball und am Zeichnen und hält sich in beidem für nicht gut genug. Milas Komplimente machen es nur schlimmer, bis sie aufhört zu loben und anfängt zu fragen.

Am Dienstag hingen im Flur vor dem Kunstraum neue Bilder, der Kunstkurs aus der Zwölften. Sechs Zeichnungen von einem Glasdach. Leos Glasdach, das vom alten Bahnhof, das er seit drei Jahren zeichnete. Gezeichnet von einem Jungen, den Leo nur vom Sehen kannte. Jede Strebe stimmte, und das Licht auf dem Glas war so weich, dass man es anfassen wollte. Leo stand davor, bis es klingelte. Den Rest des Tages blieb sein Skizzenbuch im Rucksack.
Am Samstag war Halbfinale. Leos Name stand auf dem Spielberichtsbogen, aber nicht bei den ersten fünf. „Du wirfst, bevor der Zug fertig ist“, hatte der Trainer am Freitag gesagt. „Zweimal im Training, dreimal letzte Woche. Heute fängst du draußen an.“ Leo hatte genickt, so wie man nickt, wenn man eigentlich etwas werfen will.
Er saß am Ende der Bank, die Jacke über den Knien, Tape an zwei Fingern, und zählte mit. Erstes Viertel, zweites Viertel. Kurz vor Ende des dritten durfte er für vier Minuten rein, spielte einen Pass auf John, John traf, der Trainer nickte, und Leo saß wieder. Sie gewannen mit sechs Punkten. Alle sprangen herum, Leo sprang mit, eine Sekunde zu spät. Auf der Tribüne jubelte sein Vater am lautesten. Leo lächelte für die Handyfotos der Eltern und wäre lieber überall sonst gewesen.
Am Sonntagabend fuhr Mila mit dem Rad am Freiplatz vorbei. Leo war allein dort und warf in der Dämmerung, immer wieder. Sie hielt am Zaun. „Darf ich kurz bleiben?“ Er zuckte mit den Schultern, was bei ihm Ja hieß. Sie setzte sich auf die niedrige Mauer. Er warf. Daneben. Er warf noch einmal.
„Du hättest spielen müssen“, sagte Mila. „Ihr habt gewonnen, und du hast den wichtigsten Pass gespielt.“ „Vier Minuten.“ Wurf. „Und deine Zeichnungen sind genauso gut wie die im Flur.“ Sie hatte ihn am Dienstag dort stehen sehen. Leo fing den Ball. „Sind sie nicht.“ „Doch.“ „Mila.“ Lauter als nötig. „Die sind nicht genauso gut. Der hat seit Jahren Kunstkurs. Der weiß, wie man Glas macht. Ich weiß nur, wie man Linien macht.“ Der nächste Wurf traf nicht einmal den Ring.
Mila sagte nichts Nettes mehr. Sie merkte, dass ihre Komplimente bei ihm ankamen wie ein Ball am Ring: Sie prallten ab und rollten weg. Sie wartete. Dann fragte sie: „Was ärgert dich eigentlich mehr? Die Bank oder der Flur?“
Leo öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er tippte den Ball auf, einmal, zweimal. „Die Bank ist fair“, sagte er schließlich, langsam. „Ich werf zu früh. Das weiß ich. Der Trainer sagt es seit einem Jahr. Wenn ich den Zug fertig spiele, spiele ich. Das ist eine Linie, über die ich muss. Die sehe ich.“ „Und der Flur?“ Er setzte sich auf den Ball. „Da hat keiner was gesagt. Keiner hat gesagt, ich muss besser sein als der aus der Zwölften. Das hab ich mir selbst gesagt. In zwei Sekunden.“
„Und wer hat dann entschieden, dass du nicht gut genug bist?“ Leo sah sie an, als hätte sie in einem Haus, das er auswendig kannte, eine Wand verschoben. „Ich“, sagte er. „Mit seinem Maßstab.“ Er lachte kurz, nicht fröhlich, aber auch nicht hart. „Der ist drei Jahre älter. Der hat mit fünfzehn bestimmt auch nicht so gezeichnet. Wahrscheinlich.“ „Wahrscheinlich“, sagte Mila. „Du könntest ihn fragen.“ „Fragen?“ „Wie er das Glas macht. Ich frag auch, wenn jemand ein besseres Foto hat als ich. Die meisten erzählen es gern.“
Leo machte das Gesicht, das er machte, wenn er über eine Statikfrage nachdachte. Dann stand er auf, nahm den Ball und ging zur Dreierlinie. „Okay. Zwei Sachen.“ Er hob zwei Finger, das Tape klebte noch daran. „Training Dienstag: Jedes Mal, wenn ich werfen will, bevor der Zug durch ist, zähl ich bis zwei und schau, wo John steht. Jedes Mal. Auch wenn's peinlich aussieht.“ „Und die zweite?“ „Ich zeichne das Dach noch mal. Nicht wie er. Wie ich, nur mit weicheren Stiften. Und dann leg ich es neben meins vom letzten Herbst. Nicht neben seins.“ „Und fragen?“ Er verzog das Gesicht. „Vielleicht. Nach den Stiften. Nicht nach allem.“
Er warf. Der Ball fiel sauber durch das Netz, und Leo jubelte nicht. „Der zählt nicht“, sagte er. „Der war zu früh.“ Mila lachte und hielt sich die Hand vor den Mund. Sie blieben, bis um neun das Flutlicht ausging. Mila machte kein einziges Foto.
Am Donnerstag ging sie wieder durch den Flur vor dem Kunstraum. Die Zeichnungen aus der Zwölften hingen noch. Unter der letzten klebte ein kleiner gelber Zettel, mit Bleistift beschrieben: „Welche Härte für das Glas? 6B?“ Keine Unterschrift. Am Freitag stand eine Antwort darunter, in anderer Schrift: „8B. Und viel Geduld.“ Mila fotografierte den Zettel nicht. Sie wusste auch so, wer die Frage geschrieben hatte.
Auf der Bank gab es einen Maßstab, den Leo verstehen konnte. Im Flur gab es nur den, den er sich selbst in zwei Sekunden gesetzt hatte. Wer bestimmt eigentlich, wann man gut genug ist?
Zwei Blickwinkel
Er ist es gewohnt, sich zu messen, an Punkten, an Würfen, an anderen. Dass er im Flur gegen jemanden verloren hat, der gar nicht mitgespielt hat, merkt er erst auf dem Freiplatz.
Sie wollte ihm helfen und hat gelobt, so viel sie konnte. Geholfen hat erst die Frage, die sie sich zuerst nicht getraut hat.
Hier hört die Geschichte nicht auf.
Du hast es vielleicht anders gesehen. Genau darum geht es.